Emmendingen – Bürkle-Bleiche

Klimaschutz hat einen hohen Stellenwert in der Emmendingener Stadtentwicklung. Aufbauend auf dem gesamtstädtischen Klimaschutzkonzept „Klimaneutrale Kommune Emmendingen“ konkretisiert das energetische Konzept für den Stadtteil Bürkle-Bleiche die Umsetzung der kommunalen Klimaschutzziele auf der Quartiersebene.  

Bürkle-Bleiche ist ein typisches Einfamilienhausgebiet mit Gebäuden, die zum Großteil vor der Einführung der ersten Wärmeschutzverordnung 1977 erbaut wurden. Dass sich die meisten Gebäude somit ohnehin im Sanierungszyklus befanden, war ausschlaggebend für die Konzepterstellung. Der Hauptfokus des Quartierskonzepts lag daher auf der Senkung des Energieverbrauchs im Gebäudebestand.  

Die erfolgreiche Umsetzung des Konzepts gelang dank einer schrittweise aufgebauten energetischen Stadtteilkampagne. Die Sanierungsrate stieg im Folgenden um das 3 bis 5-fache. Koordiniert wurde die Kampagne durch ein bei der Kommune angesiedeltes Sanierungsmanagement.

Für Bürkle-Bleiche ist das Management nun abgeschlossen, doch die Stadt legte nach: Der Sanierungsmanager ist nun Klimaschutzmanager und organisiert die gesamtstädtische Kampagne zum „Energiehaus Emmendingen“.

Luftbildaufnahme von Emmendingen, das Quartier Bürkle-Bleiche ist eingerahmt

 

Quartier

Einwohner 7.537
Fläche (in ha) 111
Eigentümerstruktur 1078 Gebäude, heterogener Eigentumsbesitz (überwiegend Kleineigentümer und Wohnungseigentümergemeinschaften)
sozio-ökonomische Ausgangssituation überwiegend Selbstnutzer
energetische Ausgangsituation überwiegend älterer Gebäudebestand (1945-1975) mit geringer Energieeffizienz, hoher Sanierungsbedarf insbesondere bei Heizungen
Akteure Stadt Emmendingen (Sanierungsmanagement), Stadtwerke, Energieberater
Förderungen

Zuschüsse das Landes Baden-Württemberg (Wettbewerb „Klimaneutrale Kommune“ und „Klimaschutz mit System“), kommunales Förderprogramm

Konzepterstellung

Das Quartierskonzept wurde zwischen 2012 und 2013 durch eine private Energieagentur in enger Abstimmung mit dem Umweltbeauftragten der Stadt sowie dem für die Stadtteilkampagne eingestellten Sanierungsmanager erstellt. Mit den Stadtwerken, Energieberatern und Vertretern der Wohnungswirtschaft fanden weitere Workshops statt.

Die Potentialanalyse wurde mithilfe eines GIS basierten Katasters durchgeführt. Sie definierte Handlungsbedarf für die Verbrauchssenkung im Gebäudebestand sowie die stärkere Nutzung erneuerbarer Energien zur Wärme- und Stromversorgung. Mit verschiedenen Szenarien und einem konkreten Maßnahmenplan stellte das Konzept dar, wie Bürkle-Bleiche als klimaneutraler Stadtteil mit hoher Lebensqualität für junge Familien und Senioren entwickelt werden kann. Die Kernstrategien sind:

  • Energieverbrauch senken / Erhöhung der Sanierungsrate durch Förderung der Energieberatung
  • effiziente Energieumwandlung erreichen durch Förderung von KWK sowie von Nahwärmenetzen und BHKW
  • Erneuerbare Energien einbinden, unterstützt durch dialogorientierte Beratung und lokale Förderangebote

Grundnenner dieser Handlungsfelder ist der Bildungsauftrag an die Bürger. Sie sollen für Klimaschutz, vor allem für ihre Möglichkeiten, Klimaschutz zu gestalten, nachhaltig sensibilisiert werden. Die zur Konzeptumsetzung vorgesehene Stadtteilkampagne setzte hier an.

 

Umsetzung des Konzepts

Klimaschutz gelingt nur gemeinsam. Ein großer Vorteil in Bürkle-Bleiche war es, dass die Akteure auf Arbeitsstrukturen aus der Erstellung des kommunalen Klimaschutzkonzepts aufbauen konnten: Mitglieder des „Arbeits- und Aktionsbündnis klimaneutraler Gebäudebestand“ – u.a. Mitarbeiter der Stadtverwaltung, der Wohnungswirtschaft, Energieberater, Architekten und Planer aus der Phase des kommunalen Klimaschutzkonzepts – halfen mit, die Stadtteilkampagne zu konzipieren. Für das Kommunikationskonzept der Kampagne wurde dann eine Kommunikationsagentur eingebunden. Diese stellte sicher, dass die Hauptzielgruppe – die Wohnungseigentümer und Mieter – emotional überzeugt wird. Fachchinesisch oder Langeweile sollten vermieden werden.

Die zwischen 2013 und 2015 schließlich durchgeführte Stadtteilkampagne fußt auf den vier Säulen „Öffentlichkeitsarbeit“, „Dialogorientierte Beratung“, „Förderangebote“, „Modellprojekte“. Erfreuliches Ergebnis: Die Kampagne verzeichnet 170 Energieberatungsanfragen und 108 eingereichte Förderanträge, was 6 % des Gebäudebestands umfasst, und 44 sanierte Gebäude (10 Voll- und 34 Teilsanierungen).

Bei den durchgeführten Sanierungen wurden Endenergie-Einsparungen von rund 622.000 kWh/a und CO2-Einsparungen von insgesamt rund 233 t/a erzielt. Bezogen auf ein Einzelobjekt kam es zu durchschnittlichen jährlichen Energieeinsparungen von 17.300 kWh/a und etwa 6,5 t CO2. Die Investitionskosten dieser Sanierungsmaßnahmen summieren sich auf rund 3,6 Mio. Euro bzw. durchschnittlich ca. 100.000 Euro pro Objekt.

Finanziell unterstützt wurde die Kampagne durch die Folgeförderung des Wettbewerbs „Klimaneutrale Kommune“ des Landes Baden-Württemberg (Sachkosten). Die Stadt Emmendingen flankierte mit einem kommunalen Beratungs- und Förderprogramm für nicht investive Maßnahmen (u.a. Einstiegsberatung, Gebäudecheck, Heizungscheck Umsetzungsberatung zum Aufbau von BHKW).

 

Untersuchungsfokus

Energetische Stadtteilkampagne als Aktivierungsstrategie

Ein grundlegendes Kennzeichen der energetischen Stadtteilkampagne ist ihr strukturierter Aufbau: Sie hat Klimaschutz als langfristig angelegten Prozess betont. Sie hat dabei auch deutlich gemacht, dass Klimaschutz nicht staubtrocken sein muss, sondern als „spannende Geschichte“ erzählt werden kann - so die Einschätzung des damaligen Sanierungsmanagers Armin Bobsien.

Zuerst hieß es darum Aufmerksamkeit wecken, gute Beispiele zeigen und mit dem Thema präsent zu bleiben: große Fahnen im Stadtteil zeigten „hier passiert etwas“, zudem wiesen Poster an die in Sanierung befindlichen Gebäuden darauf hin, wo es schon Pioniere unter den Eigentümern gab. Ein erfahrener Autor schrieb regelmäßig eine Energiespar-Kolumne in der lokalen Wochenzeitung. Eine Energiespar-Show mit einem TV-Moderator machte das Thema dann zum Event. Alle Haushalte wurden zudem über eine eigens eingerichtete „Stadtteilzeitung“ über die städtischen Förderberatungsangebote und aktuelle Themen zur energetischen Sanierung regelmäßig informiert.

Bei den Maßnahmen der Öffentlichkeitsarbeit stets eingeflochten waren die Bausteine „dialogorientierte Beratung“ und „Fördermöglichkeiten“. Drei Jahre lang konnten sich Eigentümer zu Sanierungsoptionen, den kommunalen Beratungs- und Förderangeboten und zu speziellen Handlungsmöglichkeiten – etwa im Falle von Eigentümergemeinschaften – informieren. Die Energieberater arbeiteten in einem Netzwerk nach dem Motto „sieben Berater, eine Stimme“. Die Eigentümer wussten die Transparenz und vor allem die herstellerneutrale Beratung durch die Kommune zu schätzen.

Die Bildung von Netzwerkstrukturen und die Durchführung einer „Energiekarawane“ (aufsuchende Energieberatung) bildeten wichtige Elemente der Kampagne. Schulen, VHS, Familienzentrum, Energie- und Handwerkernetzwerke, bürgerschaftliche Multiplikatoren etc. halfen, das Thema bei Jung und Alt bekannt zu machen und sie helfen, das Thema weiterhin hoch zu halten. Ein wichtiger Erfahrungswert der Kommune für zukünftige Aktivierungsstrategien: Klimaschutz kommt dann besonders gut bei Eigentümern und Mietern an, wenn es noch stärker mit dem Thema Qualität – sei es im Wohnumfeld oder im Sinne von Wohnkomfort – verschnitten wird.

Modell verwaltungsinternes Sanierungsmanagement

Emmendingen setzt auf dauerhafte Strukturen für den Klimaschutz – so will die Stadt die Umsetzung ihrer Klimaschutzziele erreichen. Dafür setzt sie auf personelle Kontinuität sowie die Bündelung und Übertragung von Wissen. Besonders die im Rahmen der Stadtteilkampagne generierten Erfahrungen sollten der Kommune langfristig zur Verfügung stehen. Das Sanierungsmanagement direkt bei der Kommune anzusiedeln, erschien so die passende Variante.

Bobsien, zuvor in der Quartiersarbeit tätig, wurde schon während der Erstellung des Energetischen Quartierskonzepts und der Konzipierung der Stadtteilkampagne als Sanierungsmanager eingestellt. Die Kommune ging dazu in Vorleistung. So konnte der Sanierungsmanager schon vor dem Start der Kampagne mit dem Aufbau des Beraternetzwerks und dann zügig mit der Umsetzung der Kampagne beginnen. Da gut Ding Weile haben will, wurde die Verlängerungsoption des Sanierungsmanagements in Anspruch genommen.

Nach Abschluss der Stadtteilkampagne überträgt Bobsien die Erfahrungen aus Bürkle-Bleiche auf die gesamtstädtische Ebene. Mit der Kampagne „Energiehaus Emmendingen“, gefördert vom Baden-Württembergischen Landeswettbewerb „Klimaschutz mit System“, greift die Kommune erneut auf die Ausnutzung und Förderung von Netzen – Handwerker- und Beraternetzen – zurück.