Halle - Energie-Quartier Lutherviertel

Das Lutherviertel ist ein von denkmalgeschützten Bauten der Zwischenkriegszeit geprägtes Wohnquartier. Im Mittelpunkt befindet sich der Lutherplatz mit einem historischen Wasserturm. Die Genossenschaft Bauverein Halle & Leuna eG ist Eigentümerin des zusammenhängenden Bestands und Impulsgeberin des Energetischen Quartierskonzepts.

Anlass für die Konzepterstellung gab zunächst die Unzufriedenheit mit der Effizienz der bestehenden Wärme- und Wasserversorgung. Die in den 1990er Jahren durch zwei Contractoren eingesetzten Gaszentralheizungen waren zu groß und damit zu kostenintensiv geplant. Da zwischenzeitlich einer der Contractoren abgelöst und der andere in der Geschäftsstruktur der Genossenschaft aufgegangen war, sollte die Wärmeversorgung fortan aus einer Hand neu gestaltet werden. Weitere Ziele sind die Optimierung der Grüngestaltung der Innenhöfe und der Verkehrs- und Parkraumsituation.

"Geld ausgeben wollten wir auf jeden Fall, aber wir wollten es möglichst schlau machen. Darum war es wichtig, unser Vorhaben vom Quartiersblick aus zu bewerten und zu gucken, wie was ineinander greifen kann" – so ein Vorstandsmitglied des Bauvereins Halle & Leuna eG zu den Gründen der Konzepterstellung.

Luftaufnahme des Lutherquartiers, bestimmend sind helle Fassaden, rote Dächer und grüne Innenhöfe

 

Das Quartier

Einwohner

1.171 Wohneinheiten

Fläche

12,8 ha

Eigentümerstruktur

Wohnungsbestand im Eigentum der Genossenschaft,

Wasserspeicher und angrenzende Gebäude Eigentum der Stadtwerke


sozio-ökonomische Ausgangslage

Reduzierung des Leerstands in den vergangenen Jahren von 15 auf rd. 8%, positive Bevölkerungsentwicklung seit 2007

energetische Ausgangslage

Gaskessel

Akteure

Bauverein Halle & Leuna eG, Bauverein Energie und Service GmbH (Contractor, Tochter der Genossenschaft), Stadt Halle, Stadtwerke

Förderkulisse

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Konzepterstellung

Für die Konzepterstellung wurde die Projektarbeitsgruppe „Energie- und Klimaschutzkonzept Lutherviertel“ gegründet. Dazu zählten leitende Vertreter der Bauverein Halle & Leuna eG, der Bauverein Energie & Service GmbH (Contractor) und der Konzeptersteller DSK GmbH, der durch drei weitere Büros unterstützt wurde. Über diesen Kreis hinaus wurden Mitarbeiter des Dienstleistungszentrums Klimaschutz, der Stadt Halle sowie der Stadtwerke Halle GmbH eng in die Konzepteinstellung einbezogen. Bezüglich der Datenerfassung wurden Sekundärdaten durch empirische Daten aus einer Bewohnerbefragung zum Modal Split und aus einer Verkehrszählung ergänzt.

Hauptergebnis des Konzepts ist eine zentrale Nahwärmelösung, die eine KWK-erzeugte Fernwärmeversorgung mit einem BHKW kombiniert. Hinzukommen eine Erdwärmepumpe, die ein Ärtztehaus versorgt, und perspektivisch ein power to heat-Modul, das überschüssige Energie aus dem BHKW mittels Wasserspeicher für die Warmwasserversorgung aufbereitet. Das im Quartier zu verortende BHKW soll die Grundlast des Quartiers abdecken, für die Spitzenlast wird die Fernwärme hinzugenommen. Mit den Stadtwerken wurde eine Regelung zum Verkauf des eigenen Stroms aus dem BHKW getroffen. Stromspitzen beim städtischen Versorger können zudem für den Betrieb des power to heat-Moduls genutzt werden. So sollen langfristig Wärme, Warmwasser und Strom für die Mieter günstiger und nachhaltiger zur Verfügung stehen.

Weitere Handlungsfelder liegen im Bereich der Klimaanpassung des Wohnumfelds (u.a. Begrünung, Regenwasserrückhaltung), der Umrüstung der Straßenbeleuchtung auf LED und im Bereich E-Mobility. Das Konzept formuliert u.a. das Ziel der Einrichtung einer an das BHKW angegliederten Elektro-Tankstelle. Auch wurden Abstellmöglichkeiten für E-Bikes untersucht. Der Bauverein Energie & und Service GmbH (Contractor) stellt bereits aktuell seine Dienstflotte auf Elektroautos um.

 

Umsetzung des Konzepts

Die Umsetzung der neuen Nahwärmelösung erfolgt aktuell durch die Genossenschaft (Bau BHKW und power-to-heat Modul) und durch die Stadtwerke (Verdichtung Fernwärmenetz).

Ein Sanierungsmanagement ist bereits beantragt. Es soll seinen Arbeitsschwerpunkt in der Bewohnerbeteiligung und im Strategiecontrolling haben. Das Strategiecontrolling soll die Umsetzung der mittel- bis langfristigen Ziele der Genossenschaft – u.a. Klimaanpassungsmaßnahmen in der Innenhofgestaltung – und die Umsetzung der Ziele, die sich die Stadt Halle im Rahmen des Quartierskonzepts gesetzt hat – u.a. Erneuerung der Straßenbeleuchtung, Stärkung umweltfreundlicher Mobilitätsangebote – fokussieren.

Fortlaufender Arbeitsbedarf besteht bei der Auslotung von Möglichkeiten zum Einsatz Erneuerbarer Energien im Quartier. Überlegungen, das gesamte Quartier mittels Holzpellet zu versorgen, waren bis dato nicht umsetzbar. Auch dem Einsatz von PV sind angesichts des Denkmalwerts der Gebäude Grenzen gesetzt.

 

Untersuchungsfokus

Genossenschaft als Hauptakteur der energetischen Stadtsanierung

Die Genossenschaft hat als Impulsgeberin für die Erstellung des Quartierskonzepts den kommunalen Eigenanteil übernommen und ist Hauptakteurin der Maßnahmenumsetzung. Ihr wichtiges Ziel dabei: das Energiequartier soll nicht nur klimafreundlich und effizient, sondern sozialverträglich sein.

Dies gelingt vor allem durch den Maßnahmenfokus auf die Umrüstung der Wärmeversorgung. Dass sich diese als langfristig kostengünstigere Variante für die Mieterinnen und Mieter errechnet hat, wird durch die Genossenschaftsstruktur begünstigt: Aufgrund des Gedankens der "Selbstförderung" – also das Zurückspielen von Gewinnen in die Genossenschaft – ermöglicht sie dem Contractor (als Tochter der Genossenschaft), die neue Wärmeinfrastruktur ohne den Druck der Gewinnmaximierung umzusetzen.

Umlagefähige Maßnahmen, wie die Dämmung von Decken, sind aufgrund des noch hohen Sanierungsstandards der Gebäudehüllen zudem nur als langfristige Maßnahme vorgesehen. So sollen Preissteigerungen für die Mieterinnen und Mieter vermieden werden.

Stärkung des Klimabewusstseins und umweltpädagogischer Ansatz

Der Genossenschaft war es wichtig, Bewohnerinnen und Bewohner nicht nur darüber zu informieren, dass in ihrem Quartier „etwas passiert“, sondern dass sie selbst zur Gestaltung des Energiequartiers beitragen können. Im Rahmen der Konzepterstellung fand daher eine umweltpädagogische Aufbereitung über mehrere Wege statt. Als Anlaufstelle für die Bewohnerbeteiligung wurde die Infrastruktur des "Treffpunkts Lutherplatz" genutzt. Hier finden diverse Genossenschaftsangebote der Sozialarbeit statt, sodass er für die Mieterinnen und Mieter einen vertrauten Anlaufpunkt bot.

Die Bewohnerinnen und Bewohner gaben über eine schriftliche Befragung Anregungen zur Mobilitätsgestaltung in das Quartierskonzept ein. Zudem wurden Möglichkeiten der zukünftigen Freiflächengestaltung praxisnah diskutiert. Zum Beispiel probierten Bewohnerinnen und Bewohner auf einer Grünfläche im Innenhof aus, wie viel Biodiversität mit einer Wildblumenwiese in das Quartier eingebracht werden kann.

Des Weiteren zeigte die Genossenschaft im "Treffpunkt Lutherplatz" die Ausstellung "Energie-Erlebnispfad", die zu Umwelt- und Energiethemen informiert und zum Mitmachen einlädt.

Um den Klimaschutzgedanken besonders stark in die junge Generation zu tragen, wurde mit der achten Klasse einer lokalen Gesamtschule über ein Halbjahr eine praxisorientierte Projektarbeit aufgebaut. Neben Lehreinheiten von Genossenschaftsvertretern über die Funktionsweise der neuen Wärmeversorgung, brachten sich die Schülerinnen und Schüler aktiv in die Konzepterstellung ein: Sie unterstützten mit einer Verkehrszählung die Datenerfassung und bauten ein Modell des Viertels.

Das Aufgabenfeld der Information und Beteiligung soll im Rahmen des Sanierungsmanagements noch stärker ausgebaut werden.