Energetische Stadtsanierung: eine Gemeinschaftsaufgabe

Dokumentation der Regionalkonferenz in Bielefeld am 11.09.2014

Mit etwa hundert Teilnehmenden aus Kommunen, Wohnungsunternehmen, Planungsbüros und anderen Institutionen stieß die Regionalkonferenz "Energetische Stadtsanierung: eine Gemeinschaftsaufgabe" in Bielefeld auf reges Interesse. Neben einem detaillierten Überblick über das KfW-Programm 432 Energetische Stadtsanierung wurden konkrete Hinweise für die Bearbeitung und Antragstellung gegeben.

Die bisherigen Erfahrungen und Ergebnisse aus der Begleitforschung und den Pilotprojekten wurden in Fachvorträgen, Experteninterviews und über Projektbeispiele aus Nordrhein Westfalen vermittelt. Insbesondere ging es auch um die Verknüpfung des KfW-Programms mit Förderangeboten auf Landesebene. Kommunen, die mit der energetischen Stadtsanierung beginnen wollen, erhielten Anregungen und konkrete Hilfestellungen. In Kleingruppen bot sich die Möglichkeit zu vertiefenden Nachfragen zur Antragstellung, zur Umsetzung des Programms sowie zum Sanierungsmanagement.

Im Fokus der Regionalkonferenz standen folgende Fragestellungen:

  • Wer hat welche Rolle? Und warum hat die Kommune eine besondere Verantwortung?
  • Wie werden Kommunen und Eigentümer durch Bund, KfW und Länder unterstützt?
  • Welches Quartierskonzept und welches Sanierungsmanagement eignen sich für welches Quartier?
  • Bereits im Antrag die Weichen stellen: Was ist zu beachten?
  • Welche Handlungsoptionen haben Kommunen in der Wärmeversorgung?
  • Wo liegen Grenzen von Maßnahmen in der Praxis?

Begrüßt wurden die Teilnehmenden durch Herrn Neußer vom Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung sowie durch Frau Anja Ritschel, Beigeordnete im Dezernat für Umwelt und Klimaschutz der Stadt Bielefeld, die das breite Engagement der Stadt Bielefeld für mehr Energieeffizienz im Gebäudebereich im Überblick darstellte. Im Folgenden sind die wesentlichen Inhalte der Veranstaltung aus Sicht der Begleitforschung dargestellt. Die Präsentationen der Referenten können heruntergeladen werden.

 

Einführung

Dr. Gregor Langenbrinck, Begleitforschung, Urbanizers

Zu Beginn des Vortrags wurde ein kurzer Überblick über die Pilotprojekte der energetischen Stadtsanierung und die Aufgaben der Begleitforschung gegeben. Welche wesentlichen Punkte sollten Kommunen bei der Erarbeitung eines energetischen Quartierskonzeptes beachten? Trotz der umfangreichen inhaltlichen Anforderungen – die u.a. im Merkblatt dargestellt sind – lässt sich die „Energetische Stadtsanierung“ an die individuellen Bedürfnisse einer Kommune anpassen. Auch eine Kombination mit anderen Programmen, z.B. der Städtebauförderung, ist möglich. Dabei ist eine inhaltliche Abstimmung wichtig, so dass Synergien genutzt werden können. Anhand von vier konkreten Beispielen aus den Pilotprojekten wurden Herausforderungen aber auch Potenziale der Konzeptphase verdeutlicht und kommunale Handlungsoptionen im Bereich von Projektsteuerung, Akteursbeteiligung und Gebietsauswahl sowie der Zieldefinition und der Umsetzung von Quartierskonzepten aufgezeigt. Es kann sich beispielsweise als sinnvoll erweisen über die Quartiersgrenze hinaus aktiv zu werden und dadurch Synergien zu erzielen.

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Hohe Verknüpfbarkeit der KfW-Programme als besonderes Qualitätsmerkmal

Andreas Schüring, Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi)

In der Umsetzung der energetischen Quartierskonzepte haben die KfW-Förderprogramme aus dem CO2-Gebäudesanierungsprogramm des Bundes eine hohe Bedeutung. In dem Vortrag wurde das große Spektrum der KfW-Programme zur Gebäudesanierung vorgestellt und die Möglichkeiten der Verknüpfung mit der energetischen Stadtsanierung aufgezeigt. Auf der strategischen Ebene wurde auf die besondere Bedeutung verschiedener Beratungsinstrumente hingewiesen: Erst- bzw. Initialberatungen, detaillierte Energieberatung sowie Baubegleitung. An diese Instrumente sollte im Rahmen der Beratungs- und Aktivierungsstrategien des Sanierungsmanagements der energetischen Stadtsanierung angeknüpft werden.

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Energetische Stadtsanierung in NRW – Das Förderportfolio des Landes

Ulrich Burmeister, Ministerium für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen

Ulrich Burmeister machte deutlich, dass der energetischen Stadtsanierung in NRW eine hohe Priorität beigemessen wird. Die bisherigen Handlungsschwerpunkte liegen in der Förderung regenerativer Energien und KWK (MKULNV), die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft (MWEIMH und MIFW), Innovation City und KlimaExpo (Staatskanzlei) sowie die Wohnungsbau- und Städtebauförderung. Das ehemalige Kohleland NRW hat ehrgeizige Ziele: Das Klimaschutzgesetz NRW sieht die Senkung der Treibhausgase bis 2020 um mindestens 25% und bis 2050 um mindestens 80% vor. Wichtige Bausteine der Energie- und Klimaschutzstrategie des Landes sind die Innovation City Ruhr, der Investitionspakt zur energetischen Erneuerung der sozialen Infrastruktur sowie "100 Klimaschutzsiedlungen in NRW". Im Rahmen der Wohnungsbauförderung und der Städtebauförderung werden Maßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz im Wohnungsbestand finanziell gefördert. Ziel ist dabei die Integration von Städtebau, Klimaschutz und Barrierefreiheit auf Programmebene. Im Rahmen eines Forschungsgutachtens „Energetische Quartierserneuerung als Motor zur Verbesserung der sozialen, ökonomischen, ökologischen und verkehrlichen Verhältnisse im Quartier“ wurden nordrhein-westfälische Projekte evaluiert.

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Kommunale Handlungsoptionen für eine klimaneutrale Wärmeversorgung im Quartier

Dr. Matthias Sandrock, Hamburg Institut Research (HIR)

Der Atomausstieg, die nationalen Klimaschutzziele sowie die begrenzte Verfügbarkeit fossiler Brennsoffe erfordern eine langfristige Transformation zu einem effizienten Energiesystem auf Basis erneuerbarer Energien. Während der Ausbau der erneuerbaren Energien im Stromsektor deutlich schneller als erwartet läuft, findet die Energiewende im Wärmesektor bisher kaum statt. Hier besteht Nachholbedarf. In Zukunft wird es nicht nur wichtig sein, die Gebäudesanierung voranzutreiben, sondern auch die Wärmeversorgung deutlich effizienter zu gestalten. Um den Strukturwandel vor Ort initiieren und steuern zu können, ist für Kommunen eine langfristig orientierte, nachhaltige und soziale Wärmestrategie notwendig. Dabei sind Kommunikationsstrategien zu entwickeln, Informations- und Beratungssysteme aufzubauen, finanzielle Anreize zu setzten, die Stadtplanung mit einer Wärmeplanung zu kombinieren und die Kommune muss als Unternehmer aktiv werden.

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Interview: Analysen und Maßnahmen in der Praxis (Viersen-Dülken und Bielefeld-Sennestadt)

Thorsten Försterling (alberts.architekten), Dietmar Krämer (Stadt Viersen), Bernhard Neugebauer (Sennestadt GmbH), Rüdiger Wagner (Jung Stadtkonzepte)

In Viersen-Dülken wurde ein energetisches Quartierskonzept für einen historischen Altstadtkern mit baukulturell bedeutendem Gebäudebestand erstellt. In Bielefeld-Sennestadt war die Herausforderung ein Konzept für eine Großsiedlung der 1950er Jahre zu entwickeln. In beiden Projekten konnte auf bestehende Strukturen (z.B. Städtebauliches Integriertes Stadterneuerungskonzept, Immobilienmanagement zur Eigentümerberatung vor Ort, Klimaschutzsiedlungsstatus der EnergieAgentur.NRW, Soziale Stadt) aufgebaut werden. Im Rahmen der Datenerhebung wurden die über Schonsteinfeger und Stadtwerke erhobenen gebäudescharfen Energieverbrauchswerte unter Berücksichtigung datenschutzrechtlicher Belange mit sozio-demographischen Daten verschnitten. Daraus wurde eine differenzierte Strategie entwickelt, wo und wie in den Quartieren Eigentümer gezielt für eine energetische Sanierung der Gebäudehülle und Optimierung der Energietechnik angesprochen werden können. Bei der Ansprache von Wohnungsunternehmen sind die unterschiedlichen Geschäftsstrategien und die Rolle des jeweiligen Bestand im Portfolio entscheidend. Die Projektvertreter betonten, wie wichtig die Vernetzung des Projektteams (z.B. Stadt, Stadtwerke, Wohnungsunternehmen) vor Ort ist und dass lokale Multiplikatoren (z.B. Vereine, Einzeleigentümer) unverzichtbar für den Projekterfolg sind. Denn nur mit einem passgenauen Konzept, das die Missstände klar definiert und geeignete Handlungsstrategien aufzeigt, kann das Sanierungsmanagement in den kommenden Jahren Erfolge erzielen.

 

Von der Datenerhebung bis zur Umsetzung – Energetische Stadtsanierung als Prozess

Dr. Klaus Habermann-Nieße, Begleitforschung, plan zwei

Bereits die Auswahl eines Quartiers für die Energetische Stadtsanierung sollte mit großer Sorgfalt getroffen werden. Denn die Konzepterarbeitung ist stark von den lokalen Gegebenheiten (Siedlungsstruktur, Baualter, Eigentümerstruktur, Gebäudezustand, Energieversorgung, städtebauliche Dichte) abhängig. Die Zusammenarbeit der Akteure vor Ort hat eine hohe Bedeutung. Kooperationsvereinbarungen (z.B. zwischen Kommune und Stadtwerken / Wohnungswirtschaft), in denen Funktion und Ziele des Konzepts festgehalten werden, tragen dazu bei, eine verbindliche Basis zu schaffen. In der Bearbeitung der einzelnen Handlungsfelder geht es darum, die Ausgangssituation zu beschreiben, Potenziale für die CO2- und Energieeinsparung zu ermitteln, sowie geeignete Maßnahmen zu entwickeln. Der Fokus liegt dabei in der Effizienzsteigerung im Gebäudebereich, der Optimierung von Energieversorgungssystemen und -anlagen, dem Einsatz erneuerbarer Energien, der Förderung einer nachhaltigen Mobilität sowie des klimagerechten Verbrauchsverhaltens. Über Öffentlichkeitsarbeit sind die Ziele der des Konzepts lokal zu verankern. Die Konzeptumsetzung kann durch ein maximal 3-jähriges Sanierungsmanagement begleitet werden. Dieses kann insbesondere kommunikative Aufgaben (Aktivierung, Vernetzung, Koordination, Moderation) übernehmen, Maßnahmen konkretisieren und die Akteure bei der Akquisition von Fördermitteln unterstützen. Das Sanierungsmanagement kann durch die Kommunalverwaltung (z.B. Stadtplanungsamt; ggf. Quartiersmanagement / Klimaschutzmanagement), einen Sanierungsträger, ein Planungsbüro, eine Arbeitsgemeinschaft, ein Wohnungsunternehmen oder Energieversorger durchgeführt werden.

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Kleingruppen: Antragstellung und Umsetzung von Quartierskonzepten und Sanierungsmanagement

In drei Kleingruppen wurden der Antrag für das KfW-Programm 432, die Erstellung eines Integrierten Konzepts und der Einsatz des Sanierungsmanagements diskutiert.

In der Gruppe Antragstellung wurde sehr konkret auf die Fragen von einzelnen Kommunen und Landkreisen auf die Antragstellung geantwortet. Zum Beispiel wurde darüber gesprochen, wie eine Gemeinde mit mehreren selbständigen Ortsteilen einen Antrag formulieren sollte. Hier wurde angeraten für jeden Ortsteil der Gemeinde einen gesonderten Antrag zustellen, auch wenn anschließend ggf. eine gemeinschaftliche Beauftragung eines Büros erfolgt. Auf die Frage, welchen Konkretisierungsgrad Planungen zu Gebäuden oder Wärmenetzen im Rahmen des Konzeptes erreichen, wurde die Erfahrung weitergegeben, dass bis zur Leistungsphase 3 der HOAI Leistungen im Konzept vorgesehen und mitfinanziert werden können. Insgesamt zeigte sich eine hohe Nachfrage von Städten und Gemeinden, die bisher noch kein Programmgebiet zur Energetischen Stadtsanierung haben.

Für die Konzepterstellung sollte möglichst eine interdisziplinäre Projektsteuerung (z.B. Kommune, Wohnungseigentümern, Stadtwerken) eingerichtet werden. Für die Datenerhebung können beispielsweise Stadtwerke, Schonsteinfeger und Wohnungsunternehmen als Partner gewonnen werden. Die Datenerhebung sollte dabei kein Selbstzweck sein, sondern auf das inhaltliche Ziel / den Schwerpunkt des Konzeptes ausgerichtet sein. Die Konzeptentwicklung wiederum sollte auf konkrete Projekte ausgerichtet sein, für die bereits während der Konzeptphase Umsetzungsakteure gewonnen werden können.

In der Gruppe Sanierungsmanagement wurde zunächst über die Aufgaben eines Sanierungsmanagements sowie die organisatorische Einbindung gesprochen. Externer Dienstleister oder Stadtangestellter? Als wichtig wurde vor alle die neutrale Postion des Sanierungsmanagements angesehen, um als "Türöffner" fungieren zu können. Um die Eigentümer vor Ort zum Mitmachen zu motivieren, sind differenzierte Ansprachestrategien erforderlich. Ein Netzwerk der relevanten Akteure im Quartier ist aufzubauen und zu pflegen. Es ist weniger die Aufgabe des Sanierungsmangements selbst Energieberatungen durchzuführen als vielmehr vorhandene Angebote (BAFA-Beratung etc.) vor Ort bekannt zu machen und zu vermitteln sowie beispielhafte Projekte zu initiieren und zu verbreiten.

 

Podiumsdiskussion

Ulrich Burmeister (Ministerium für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen), Rainer Kalscheuer (Deutsche Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft), Karl-Heinz Maaß (Stadt Bottrop), Wolfgang Neußer (BBSR), Andreas Schüring (BMWi)

Die Podiumsdiskussion befasste sich insbesondere mit der Verankerung des KfW-Programms 432 in Nordrhein-Westfalen, denn immer noch (Programmstart Herbst 2012) ist die Energetische Stadtsanierung nicht flächendeckend bekannt. Insbesondere die lokale Politik ist hierbei ein wichtiger Multiplikator, über den die Energetische Stadtsanierung in die unterschiedlichen kommunalen Fachbereiche herein getragen werden kann. Die Evaluation der Energetischen Stadtsanierung in NRW hat gezeigt, wie gewinnbringend die Kombination mit der Städtebauförderung ist. Das Land NRW hat eine große Tradition in der Städtebauförderung und ist offen für die Kombination mit dem KfW-Programm 432. Nicht nur Kommunen sondern auch Wohnungsunternehmen haben viel Erfahrung mit der Städtebauförderung und können Projekte im Rahmen der Energetischen Stadterneuerung durchführen. Im Pilotprojekt Bottrop-Battenbrock wird zur Zeit ein in Zusammenarbeit mit dem Landes entwickeltes Verfahren erprobt, das den Einsatz von Städtebaufördermittel in der energetischen Stadtsanierung ermöglicht. Auch EFRE-Förderung soll in NRW perspektivisch zur Förderung der energetischen Sanierung eingesetzt werden. Die KlimaExpo.NRW soll um einen Quartiersbezug erweitert werden. Zum Abschluss wurde dazu aufgerufen, die Offenheit und Flexibilität des KfW-Programms vor Ort kreativ zu nutzen, um passgenaue Konzepte und erfolgsversprechende Lösungen für mehr Energieeffizienz im Quartier zu entwickeln.