Energetische Stadtsanierung: Vom Konzept zur Umsetzung

Themenschwerpunkt: Wärmeverbünde im Quartier – Herausforderungen und Chancen

Dokumentation der Regionalkonferenz in Hamburg-Wilhelmsburg am 15. April 2016

Die sechste Regionalkonferenz stieß, wie auch die Vorangegangenen in Potsdam und Ludwigshafen, auf hohes Interesse. Im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) hatte die Begleitforschung am 15. April 2016 zur Regionalkonferenz „Energetische Stadtsanierung: Vom Konzept zur Umsetzung“ in das Konferenzzentrum der Behörde für Umwelt und Energie der Freien und Hansestadt Hamburg eingeladen.

Über 100 Teilnehmende waren gekommen und verfolgten das Programm, bei dem sowohl allgemeine Programminformationen als auch konkrete Praxiserfahrungen vermittelt wurden. Damit wurden sowohl „Programmeinsteiger“ angesprochen als auch der Fachaustausch unter den bereits im Programm Aktiven gefördert. Neben grundlegenden Informationen zur Energetischen Stadtsanierung wurde ein thematischer Schwerpunkt gesetzt: „Wärmeverbünde im Quartier – Herausforderungen und Chancen“. Ergebnisse aus der Begleitforschung wurden in Fachvorträgen und Projektbeispielen vorgestellt. 

 

Grußworte

Begrüßt wurden die Teilnehmenden von Gunther Adler, Staatssekretär, Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB). Er wies auf die aktuell großen Herausforderungen, die sich aus dem hohen Wohnungsbedarf ergeben und auf das in diesem Zusammenhang auf Bundesebene gegründete „Bündnis für Wohnen“ hin. Gleichzeitig hob er die besondere Bedeutung des Programms „Energetische Stadtsanierung“ für die Weiterentwicklung des Wohnungsbestandes mit dem langfristigen Ziel der Klimaneutralität hervor.

Jens Kerstan, Senator für Umwelt und Energie der Freien und Hansestadt Hamburg stellte mit seinem Grußwort die hohe Bedeutung des Wärmesektors für die Energiewende heraus. Die Wärmestrategie Hamburgs ruht auf drei Zielen, die heißen: Wärmebedarf senken, Wärme effizient erzeugen und nutzen sowie erneuerbare Energien und Abwärme als Wärmequellen erschließen. Für die Umsetzung ist ein integrierter Ansatz erforderlich, wie ihn das Programm Energetische Stadtsanierung ermöglicht. Er wies allerdings auch darauf hin, dass aus seiner Sicht die aktuellen gesetzlichen Regelungen auf Bundesebene die Umsetzung neuer Nahwärmelösungen und die Nutzung erneuerbarer Energien erschweren.

 

Einführung: Konzept, Management, Umsetzung – Erfahrungen aus den 63 Pilotprojekten

Dr. Klaus Habermann-Nieße, Begleitforschung Energetische Stadtsanierung

Klaus Habermann-Nieße berichtete unter dem Titel „Konzept - Management - Umsetzung“ aus den Ergebnissen der Begleitforschung. Er gab einen Überblick über den aktuellen Stand der Nachfrage des Programms, stellte unterschiedliche Typen von Quartierskonzepten vor und benannte Voraussetzungen für eine gelingende energetische Stadtsanierung. Er zeigte die Handlungsfelder der Energetischen Stadtsanierung und gute Beispiele für die Umsetzung auf.

 

Das „Virtuelle Kraftwerk“ als Baustein dezentraler Versorgungskonzepte

Dr. Andreas Schmitt, Rheinenergie AG

Zu Beginn des Vortrages benannte Andreas Schmitt die zentralen Herausforderung, die mit den folgenden „Megatrends“ in der Energiewirtschaft verbunden sind:

  • Herausforderung wetterabhängige Erzeugung
  • Herausforderung Dezentralisierung
  • Herausforderung Digitalisierung

Aus „fossil wird erneuerbar“ und aus „zentral wird dezentral“. Dies bedeutet, dass die Zahl der Energieerzeugungsanlagen enorm anwächst. Die Digitalisierung bietet die Chance, die hohe Zahl von Erzeugern effizient zu „managen“. Ein virtuelles Kraftwerk ermöglicht die Steuerung von dezentralen Anlagen, um deren Erzeugung und Verbrauch optimal einzusetzen. Der Übergang von einem unvernetzten in einen vernetzten Betrieb von Anlagen ist hierfür die Grundlage. Über das Virtuelle Kraftwerk der RheinEnergie werden heute Windparks, PV-Anlagen sowie dezentrale BHKWs vermarktet.

 

Energetisches Quartierskonzept Hamburg-Heidrehmen der BVE eG – Modellhafte Umsetzungsstrategie für die Wohnungswirtschaft 

Jan Schülecke, MegaWatt GmbH

Jan Schülecke stellte das Energetische Quartierskonzept für das Quartier Hamburg-Heidrehmen vor, das in enger Zusammenarbeit mit der BVE eG als Haupteigentümerin des Wohnungsbestandes entwickelt wurde. Heidrehmen ist geprägt durch Geschosswohnungsbau der 1960er und 1970er Jahre. Die Wärmeversorgung im Quartier erfolgt bereits heute über ein Nahwärmenetz. Die Untersuchungen zum Quartierskonzept haben ergeben, dass in der Erneuerung und Optimierung dieses Nahwärmenetzes erhebliche Effizienzpotenziale liegen. Für die Wohnungseigentümerin wurde im Zusammenspiel aus Erneuerung der Wärmeversorgung und Teilmaßnahmen der Gebäudesanierung ein im Abgleich von wirtschaftlichen und energiepolitischen Zielen sinnvolles Gesamtkonzept entwickelt. 

 

3 Kurzinputs + Interview: Aufbau von Wärmenetzen in der Praxis

Gerrit Müller-Rüster (Treurat und Partner – Unternehmensberatungsgesellschaft mbH) für Schafflund Nord, Peter Bielenberg (Energiemanufaktur Nord) für Rendsburg-Neuwerk-Süd, Klaus Blome (EVI Energieversorgung Hildesheim GmbH & Co. KG) für Hildesheim-Drispenstedt

In Schafflund, einer ländlich geprägten Gemeinde im Norden Schleswig-Holsteins wurde mit dem Quartierskonzept der Weg zu einer Nahwärmeversorgung in Bürgerhand aufgezeigt und die Gründung einer Bürgerwärmenetzgenossenschaft vorbereitet. In Rendsburg Neuwerk-Süd soll das von den örtlichen Stadtwerken beauftragte Sanierungsmanagement die Schaffung neuer Nahwärmenetze initiieren. Mehrere öffentliche Gebäude im Quartier wurden als geeignete Kristallisationspunkte dafür identifiziert. Das Sanierungsmanagement entwickelt aktuell eine Versorgungs(vor)planung – unter Berücksichtigung verschiedener technischer Aspekte, wie Bestandsanlagen, Innovationsanspruch oder Anforderungen an „nachgelagerter“ Technik, und unter Mitnahme aller „Kernakteure“. In der Hildesheim-Drispenstedt einer Großsiedlung der 1950 bis 1970 Jahre wird die vorhandene Nahwärmeversorgung erweitert und optimiert. Mittelfristig ist die Einspeisung solarer Wärme geplant. Um dies zu ermöglichen wird an zentraler Stelle im Quartier ein saisonaler Wärmespeicher errichtet.

In der Diskussion wiesen die Projektvertreter auf die hohe Bedeutung der Vernetzung und Kooperation der Akteure hin. Während in Hildesheim die enge Zusammenarbeit zwischen Wohnungsunternehmen und Energieversorger der entscheidende Erfolgsfaktor des Projektes ist, besteht in Schafflund und Rendsburg die Herausforderung darin, private Eigentümer für Nahwärmelösungen zu „begeistern“ und zum Mitmachen zu bewegen.

 

Aktivierungsstrategien in der energetischen Stadtsanierung – ein Überblick

Kirsten Klehn, Begleitforschung Energetische Stadtsanierung

Der größte Anteil der Wohngebäude in Deutschland befindet sich in privatem Eigentum. Die Aktivierung der privaten Eigentümer – Selbstnutzer sowie Klein- bzw. Amateurvermieter – ist damit ein zentraler Baustein der energetischen Stadtsanierung. Die Motivation der Privateigentümer wird beeinflusst durch Lebenssituation (Milieus) und Lebensphase, Anlässe oder „Gelegenheiten“ (z.B. Kauf eines Hauses, notwendige Umbauten oder Anpassungen, kontinuierliche Instandhaltung und Pflege), durch Wissen über technische Sanierungsmöglichkeiten sowie durch den Zugang zu Finanzierungen. Wissen vermitteln, gute Beispiele aufzeigen, Anreize schaffen – dies sind die zentralen Ansatzpunkte bei der Konzeption von Aktivierungsstrategien. Kirsten Klehn gab eine Übersicht über verschiedene Strategien und Methoden der Aktivierung, die im Rahmen der Pilotprojekte erprobt wurden.

 

2 Kurzinputs + Interview: Umsetzung befördern

Kristian Dahlgaard (konsalt GmbH) für Bergedorf-Süd, Brigitte Vorwerk (Deutsche Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft, DSK) für den Flecken Harsefeld

Bergedorf-Süd ist ein heterogener, durch viele Nutzungen – Wohnen, Gewerbe, Handel – geprägter Stadtteil Hamburgs. Die meisten der kennzeichnenden gründerzeitlichen Gebäude gehören privaten Eigentümern. Das Team des Sanierungsmanagements setzt sich aus Mitarbeitern unterschiedlicher Büros zusammen. Deren Schwerpunkte reichen von der Stadtentwicklung und Kommunikation über Architektur und Immobilienentwicklung bzw. -sanierung bis zur Energietechnik. Die Kommunikationsstrategie setzt auf zwei Ebenen an. Sie ist zum einen mit Informationsveranstaltungen, Präsenz bei Aktionen im Quartier und einer Internetseite ausgerichtet auf den Stadtteil als Ganzes. Zum anderen werden Eigentümer gezielt auf „Blockebene“ angesprochen, zusammengeführt und konkret bei der Umsetzung von Sanierungsmaßnahmen beraten. Die Steinfeldsiedlung in Harsefeld ist ein durch Reihen- und Einfamilienhäuser geprägtes Quartier. Die zentrale Strategie, um private Eigentümer für energetische Modernisierung zu gewinnen, war hier die förmliche Festsetzung eines Sanierungsgebietes im vereinfachten Verfahren. So werden den Eigentümern erhöhte Abschreibungsmöglichkeiten nach § 7h und § 10f EStG eröffnet und damit ein erheblicher Finanzierungsanreiz geschaffen, die über Beratungsangebote sowie die Einbindung örtlicher Handwerker und Banken als Multiplikatoren vor Ort vermittelt werden.

 

Kleingruppen: Vom Konzept zur Umsetzung von Maßnahmen

In drei Arbeitsgruppen hatten die Teilnehmende die Möglichkeit sich zu den Themen „Antragstellung KfW / Konzeptbearbeitung“, „Umsetzung / Finanzierung“ sowie „Sanierungsmanagement / Kooperation“ Fragen zu stellen und sich auszutauschen.

 

Podiumsgespräch und Ausblick: Das KfW-Programm – Perspektiven für Praxis und Forschung

Dr. Kay Pöhler (KfW), Wolfgang Neußer, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, Frank Karthaus, Behörde für Umwelt und Energie, Freie Hansestadt Hamburg, Heidrun Buhse, Ministerium für Inneres und Bundesangelegenheiten

Für die Bundesebene machten Wolfgang Neußer und Kay Pöhler deutlich, dass das Programm Energetische Stadtsanierung, wie die Erfahrungen nach knapp fünf Jahren zeigen, als sehr erfolgreich und in der Praxis gut angenommen bewertet wird. Als „lernendes Programm“ wurden die Erfahrungen aus der Begleitforschung aufgenommen und für die Weiterentwicklung der Programmkulisse genutzt. Ein Beispiel hierfür ist die neu geschaffene Option der Verlängerung des Sanierungsmanagements auf fünf Jahre.

Heidrun Buhse betonte, dass aus Sicht des Landes Schleswig-Holstein die energetische Stadtsanierung eine zentrale Grundlage für die Umsetzung der Energiewende vor Ort sei. Das Land unterstützt deswegen die Kommunen durch Förderung des Eigenanteils zum KfW-Programm 432 und eigene Beratungs- und Vernetzungsangebote. Auch Frank Karthaus bestätigte die hohe Bedeutung des Ansatzes auf Quartiersebene für die Umsetzung der klimapolitischen Zielsetzungen. Ziel seiner Behörde ist es, gerade die Wohnungswirtschaft noch stärker für eine aktive Rolle in der energetischen Stadtsanierung zu gewinnen.