Energetische Stadtsanierung: Die Umsetzung kooperativ gestalten

Dokumentation der Regionalkonferenz am 12. Oktober 2015 in Ludwigshafen

Nach Konferenzen in Nürnberg, Hannover und Bielefeld, lud die Begleitforschung am 12. Oktober 2015 im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit in den Südwesten Deutschlands nach Ludwigshafen ein. Neben allgemeinen Programminformationen wurde ein besonderes Augenmerk auf die kooperative Umsetzung verschiedener Konzeptansätze und Akteursnetzwerke gelegt. Bisherige Ergebnisse aus der Begleitforschung wurden in Fachvorträgen und Projektbeispielen vorgestellt. Mit rund 65 Teilnehmern stieß die Regionalkonferenz auf reges Interesse.

Folgende Fragen standen im Fokus:

  • Welchen Beitrag kann die Zusammenarbeit der Akteure auf Quartiersebene zur höheren Energieeffizienz im Stadtteil leisten?
  • Wer sind die Schlüsselakteure und wie bekommt man sie „ins Boot“?
  • Welche guten Erfahrungen gibt es hierzu aus anderen Stadtentwicklungsprozessen, z. B. in der Städtebauförderung und dem Stadtumbau?
  • Welche Möglichkeiten gibt es, die verschiedenen Handlungsfelder der Energetischen Stadtsanierung (Gebäudesanierung, Netzstrukturen, Einspeisung Erneuerbarer Energien, Verkehrswege) miteinander vernetzt in die Umsetzung zu führen?
  • Welche Funktion / Unterstützung kann ein Sanierungsmanagement hier einnehmen?

 

Grußworte

Die Teilnehmenden wurden durch Dr. Eva Lohse, Oberbürgermeisterin der Stadt Ludwigshafen, und Beate Glöckner, Referentin für Energetische Stadtsanierung im BMUB, begrüßt.
Frau Lohse wies auf die hohe strategische Bedeutung hin, in den vielfältigen Aktivitäten, die die Stadt Ludwigshafen im Klimaschutz betreibt - u. a. mit einem kommunalen Klimaschutzbeauftragten und einem Klimabeirat - direkt vor Ort zu sein. Als Beispiel nannte sie Klima-Karavanen, die niederschwellige Angebote bieten, etwa in Bezug auf das Überdenken des eigenen Mobilitätsverhaltens. Energetische Stadtsanierung und Quartiersentwicklungsmaßnahmen seien integriert aufeinander abzustimmen - auch vor dem Hintergrund einer oft erforderlichen Ko-Finanzierung aus einem ergänzenden Förderprogramm.
Frau Glöckner unterstrich den lernenden Charakter der Energetischen Stadtsanierung. Ab dem 1. Dezember würden die Förderbedingungen des Programms 432 verbessert. Die bisherigen Erfahrungen hätten gezeigt, dass die derzeitige Förderlaufzeit für das Sanierungsmanagement von maximal drei Jahren in vielen Fällen nicht ausreiche. Aus diesem Grund werde ab 1. Dezember eine Verlängerungsoption für den Sanierungsmanager auf bis zu fünf Jahren eingeführt. Dies sei auch ein Resultat der laufenden Auswertung und Begleitung des Programms.

 

Die Umsetzung kooperativ gestalten - Erfahrungen aus 63 Pilotprojekten

Dr. Gregor Langenbrinck, Begleitforschung Energetische Stadtsanierung

Dr. Gregor Langenbrinck gab auf Basis der Auswertung der 63 Quartierskonzepte und der beiden Online-Befragungen einen Überblick über die inhaltlichen Schwerpunktsetzungen der Pilotprojekte. Er stellte drei Typen von Quartierskonzepten vor. Als Typ 1 "die Umsetzungsorientierten" lassen sich die Konzepte einstufen, die bereits vor der Konzepterstellung konkrete, oft technische Projekte anvisiert haben. Konzepte, deren Zielsetzungen umfassend auf lokalen Stadtteilentwicklungsstrategien und Akteursnetzwerken, z. B. aus dem Stadtumbau, basieren, lassen sich als "die Aufsattler" einordnen. Konzepte mit breiten inhaltlichen Zielsetzungen und einer offenen, aus dem Prozessverlauf generierten Umsetzung lassen sich als "die Prozessorientierten" einstufen. Dies sind häufig Quartiere mit komplexen Akteursstrukturen. Mit Blick auf die Umsetzung gab er einen Überblick über den Stand der Einbindung der Schlüsselakteure - Kommune, Energieversorger und Wohnungswirtschaft - und erläuterte auf Basis von Quartiersstrukturen typische Konstellationen der Umsetzung von Maßnahmen.

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Input und Diskussion: Netzwerkbildung in der energetischen Stadtsanierung

Benjamin Herrmann, Energieagentur Rheinland-Pfalz GmbH; Jürgen Katz, LBBW Immobilien Kommunalentwicklung GmbH

Nach einer kurzen Vorstellung der Energieagentur Rheinland-Pfalz GmbH gab Herr Herrmann einen Überblick über die im KfW-Programm "Energetische Stadtsanierung" geförderten Projekte in Rheinland-Pfalz. Zwanzig Konzepte, davon acht Modellkommunen und ein Sanierungsmanagement wurden bisher gefördert. Die Projekte weisen in ihrer Bebauungs- und Akteursstruktur sowie in ihren Maßnahmenschwerpunkten eine hohe Heterogenität auf. Die über die Quartierskonzepte ermittelte potenzielle Energieeinsparung im Wärme- und Strombereich liegt durchschnittlich bei etwa 30%. Um das lokal generierte Wissen zu bündeln und die Umsetzung von Maßnahmen zu fördern, liegt ein aktueller Arbeitsschwerpunkt der Energieagentur im Aufbau eines regionalen Netzwerks "Energetische Stadtsanierung". Für die letzte Jahreshälfte sind erste Vernetzungstreffen geplant.

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Herr Katz betonte in seinem Vortrag das Quartier als geeignete Schnittstelle zwischen der Objektebene und der kommunalen Ebene und somit als richtige Untersuchungsebene von energetischen Konzepten. Mit Blick auf die Umsetzung von Quartierskonzepten ging er auf Hemmnisse und Gunstfaktoren ein. Als Hemmnisse für die Umsetzung nannte er mangelnde Begleitprogramme zur Förderung der Maßnahmen, ungenügende Steuerersparnisse im energetischen Bereich, das niedrige Zinsniveau und Verschiebungen in der politischen Prioritätensetzung der Energetischen Stadtsanierung. Gute Rahmenbedingungen seien vor allem dann gegeben, wenn die Energetische Stadtsanierung als Teil nachhaltiger Stadtentwicklung verankert werde, Förderprogramme stärker aufeinander abgestimmt und Sanierungsmanagements frühzeitig eingeplant werden.

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Energetische Sanierung im Praxistest | Langzeitevaluation der energetischen Modernisierung im Brunckviertel Ludwigshafen

Ralf Werry, BASF Wohnen + Bauen GmbH

Nach einer kurzen Einführung über die historische Entwicklung des Brunckviertels stellte Herr Werry die seit Ende der 1990er Jahre partizipativ entwickelten Sanierungs- und Revitalisierungsmaßnamen vor. Neben gezielten Neubauten und wohnumfeldverbessernden Maßnahmen lag der Schwerpunkt auf Dämmungen der Bestandsgebäude nach 3- bis 7-Liter-Haus-Standard. Eine Langzeitevaluation nach Nachhaltigkeitskriterien umfasste die technische Effektivität, die ökonomische Amortisierung der Maßnahmen, die Mieterzufriedenheit und die eingesparten CO2-Emissionen (carbon footprint). Letztere belaufen sich in einer Spanne von zehn Jahren auf 8.300 Tonnen CO2-Einsparung. Die Wohnzufriedenheit ist heute stark ausgeprägt, die Wohnungen sind voll vermietet. Angesichts eines festgestellten Rebound-Effekts - die gesunkenen Nebenkosten gingen einher mit gestiegenen Heiztemperaturen durch Nutzerverhalten - betonte Herr Werry die hohe Bedeutung einer Einbindung von Mieter- und Verbraucherberatungen, um nachhaltig Energie einzusparen. Aufgrund der in den letzten 12 Jahren gestiegenen Energiekosten hat sich die Amortisationsdauer der Investitionskosten deutlich verkürzt.

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Akteure für die Umsetzung gewinnen | Quartierskonzept der Baugenossenschaft Bahnheim e.G. in Kaiserslautern

Prof. Dr. Björn-Martin Kurzrock, TU Kaiserslautern

Am Beispiel der Vorstellung des Quartierskonzepts der Baugenossenschaft Bahnheim in Kaiserslautern ging Prof. Kurzrock auf die Herausforderungen ein, Akteure vor Ort für die Umsetzung von Maßnahmen zu gewinnen. Besondere Umstände waren hier mit Denkmalschutzaspekten und einem Hauptakteur, dessen Aufsitzratsmitglieder zum Großteil ehrenamtlich arbeiten, gegeben. Hilfreich im Überzeugungsprozess der Maßnahmenumsetzung waren modulare Sanierungen, die einen temporären Umzug der Mieter vermieden. Er betonte insgesamt, Prozesse der Akteursbeteiligung möglichst transparent zu halten, frühzeitig und klar zu informieren und insbesondere auch leise Befürworter und (anfängliche) Gegenstimmen zu integrieren.

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Energetische Quartierskonzepte in der Praxis | Interview mit Vertretern der KfW-Projekte

Fabienne Mittmann, Speyer Kernstadt Nord; Dr. Simone Planinsek, Langen Südliche Ringstraße/Am Belzborn; Tina Götsch, Mannheim Käfertal

Die Energetische Stadtsanierung in Speyer ist durch eine kooperative Zusammenarbeit zwischen der Kommune und den kommunalen Stadtwerken geprägt. Gebäudeeigentümer in dem denkmalgeschützten Quartier erhalten eine finanzielle Förderung bei energetischen Gebäudesanierungen. Dies geschieht auf Grundlage einer Sanierungsrichtlinie für Einzelmaßnahmen im Stadtumbaugebiet. Mit Blick auf die besonderen Herausforderungen des Denkmalschutzes betonte Frau Mittmann den Bedarf einer funktionierenden Zusammenarbeit der Zuständigen. Das Sanierungsmanagement stehe den Eigentümern bei der Sanierungsumsetzung mit Unterstützung von Fachkollegen aus der Verwaltung zur Seite.

Frau Planinsek stellte mit dem Energetischen Quartierskonzepts für die Nachkriegssiedlung „Südliche Ringstraße“ in Langen ein sehr umsetzungsorientiertes und zugleich auf eine sozialverträgliche Maßnahmenumsetzung zielendes Projekt vor. Zentrale Akteure - neben der Kommune - sind das Wohnungsunternehmen Naussauische Heimstädte/NH Projektstadt, die Stadtwerke und die Caritas. Letztere führt mit Mietern Strom-Spar-Checks durch. Baulich-technische Maßnahmenschwerpunkte im KfW-Effizienzhausstandard 85 umfassen Wärmedämmungen, den Einbau von Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung, den Austausch von Fenstern und den Anschluss an die Fernwärme.

Das Mannheimer Quartier Käfertal ist seit 2011 Sanierungsgebiet. Bei der Erstellung des Energetischen Quartierskonzepts wurden sechs umfassende Maßnahmenblöcke festgelegt. Die Stadt Mannheim hat ein eigenes Förderprogramm für Gebäudeeigentümer aufgelegt, das flexibel auf den jeweiligen Einzelfall angepasst werden kann und eine individuelle Bezuschussung ermöglicht. Ein Schwerpunkt der Energetischen Stadtsanierung im Käfertal liegt zudem in der Öffentlichkeitsarbeit. Frau Götsch betonte, dass grundsätzlich zwischen technischen und kommunikativen Fragestellungen unterschieden werde. Im Konzept entwickelte Maßnahmen werden über das Sanierungsmanagement bearbeitet und ggf. angepasst.

 

Schwerpunktgruppen: Vom Konzept zur Umsetzung von Maßnahmen

AG 1: Antragstellung und Konzepterstellung

Die Arbeitsgruppe diskutierte zunächst grundlegende Fragen zum Umfang des Antragsverfahrens, zur Auswahl der Quartierskulisse und zur Zusammensetzung der Eigenfinanzierung der Kommune. Für die Auswahl des Quartiers wurde betont, auf vorhandene Kooperationsstrukturen aufzubauen. Auch sind Kombinationsmöglichkeiten mit der Städtebauförderung zu prüfen. Jedoch wurde geraten, den Quartierszuschnitt nicht zu groß zu wählen.

AG 2: Umsetzung und Finanzierung

Mit Blick auf die Finanzierung von Maßnahmen wurden Strategien vor dem Hintergrund regional differenzierter Wohnungsmarktbedingungen diskutiert. So ist die Umsetzung von Maßnahmen in nachfrageschwachen Standorten, wo die Spielräume für Mieterhöhungen gering sind, ohne externe Förderung nur bedingt möglich. Kombinationsmöglichkeiten von verschiedenen Fördertöpfen wurden daher als entscheidend eingeordnet. Ebenfalls wurde die Einbindung von Akteuren, die Projekte anteilig oder komplett finanzieren, betont.

AG 3: Sanierungsmanagement und Kooperation

Konsens der dritten Arbeitsgruppe war es, Beratungsangebote in den Quartieren auf die Bewohner und Eigentümer zuzuschneiden. Dazu müssen die Themen identifiziert werden, die unter Umständen mit energetischen Gesichtspunkten zusammenhängen. Dies kann z. B. ein barrierefreier Umbau der eigenen Wohnung sein. Des Weiteren wurde verdeutlicht, dass in der Umsetzung des energetischen Quartierskonzepts längerfristigere Zeithorizonte - ähnlich wie in der Städtebauförderung 10 bis 20 Jahre - einkalkuliert werden sollten.

 

Vernetzt denken und handeln in der energetischen Stadtsanierung

Dr. Peter Moser, Institut für dezentrale Energietechnologien (IdE)

Auf Grundlage von Erfahrungen aus der wissenschaftlichen Begleitung zahlreicher Klimaschutzprojekte referierte Dr. Moser über die Herausforderungen der Gestaltung der Energiewende auf der regionalen Ebene. Diese Ebene ermögliche im Besonderen die Integration einer Vielzahl von Akteuren, vor allem auch junger, lokaler Institutionen (Energieberater, Klimaschutzmanager, Energieagenturen etc.) und „Koalitionen der Willigen". Sein Tenor war es, die Energiewende positiv zu gestalten, etwa durch den Aufbau regionaler Wertschöpfungsketten und Energiemärkte. Als Beispiele für eine positive Kultur der Energiewende stellte er u. a. die Gründung einer Bürgerenergiegenossenschaft in Wolfhagen vor. Des Weiteren nannte Herr Moser energiebezogene Netzwerke, die den Kommunen wertvolle Austauschmöglichkeiten für diverse Anliegen im Bereich der Energieeinsparung und Erneuerbaren Energien bieten.

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Podiumsdiskussion

Dr. Gregor Langenbrinck, Begleitforschung Energetische Stadtsanierung; Dr. Kay Pöhler, KfW; Prof. Dr. Joachim Alexander, Klimaschutzbeauftragter Stadt Ludwigshafen; Benjamin Herrmann, Energieagentur Rheinland-Pfalz GmbH; Beate Glöckner, Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit

Wichtige Aspekte, die sich im Verlauf der Veranstaltung gezeigt haben, sind unter anderem die sozialverträgliche energetische Sanierung, der Denkmalschutz sowie das Sanierungsmanagement im Team. Es gilt weiterhin, die Energetische Stadtsanierung in der kommunalen Praxis intelligent mit anderen Prozessen und Programmen des Bundes und der Länder zu vernetzen sowie die Kombination mit EU-Projekten voranzutreiben (z.B. Nutzung von EFRE-Mitteln der neuen Förderperiode). Den Bürgern müssen die Akteure der Energetischen Stadtsanierung als neutrale Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Wesentlich wird weiterhin der Aufbau von Netzwerken sein, um neu aufkommende Themen miteinander zu verknüpfen und zu kommunizieren. Herausforderungen bestehen noch bei der Gestaltung eines fließenden Übergangs von Konzepterstellung zu Sanierungsmanagement, da Kommunen für beide Förderbausteine des KfW-Programms den Eigenanteil aufbringen müssen. Die vorgestellten Praxisbeispiele zeigten anschauliche Erfahrungswerte energetischer Modernisierungen, wie Wohnungsunternehmen die Erhöhung der Bewohnerzufriedenheit und die wirtschaftliche Rentabilität vereinen können.