Energetische Stadtsanierung: eine Gemeinschaftsaufgabe

Dokumentation der Regionalkonferenz in Magdeburg am 25.09.2014

Rund 80 Personen aus Kommunen, Landespolitik, Forschung und Planungsbüros nahmen an der Regionalkonferenz "Energetische Stadtsanierung: eine Gemeinschaftsaufgabe" in Magdeburg teil. Neben einem Überblick über das KfW-Programm 432 Energetische Stadtsanierung wurden Aspekte der Wertschöpfung vertieft.

Die bisherigen Erfahrungen und Ergebnisse aus der Begleitforschung und den Pilotprojekten wurden in Fachvorträgen und Akteursinterviews vorgestellt. Besondere Aufmerksamkeit galt den Aktivitäten des Landes Sachsen-Anhalt im Themenfeld der energetischen Entwicklung von Städten und Regionen. Kommunen, die mit der energetischen Stadtsanierung beginnen wollen, erhielten Anregungen und konkrete Hilfestellungen für die Antragstellung, Bearbeitung und Umsetzung von Quartierskonzepten und Sanierungsmanagements.

Im Fokus der Regionalkonferenz standen folgende Fragestellungen:

  • Wer hat welche Rolle in der energetischen Stadtsanierung? Und warum hat die Kommune eine besondere Verantwortung?
  • Wie werden Kommunen und Eigentümer durch Bund, KfW und Länder unterstützt?
  • Welches Quartierskonzept, welches Sanierungsmanagement eignet sich für welches Quartier?
  • Bereits im Antrag die Weichen stellen: Was ist zu beachten?
  • Wie lassen sich Maßnahmen und Konzepte auf regionaler, gesamtstädtischer und Quartiersebene verknüpfen?
  • Welche ökonomischen Effekte lassen sich als Argumente für eine energetische Stadtsanierung heranziehen?

Begrüßt wurden die Teilnehmenden durch Staatssekretär Dr. Klaus Klang vom Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr Sachsen-Anhalt, Dr. Dieter Scheidemann, Beigeordneter für Stadtentwicklung, Bau und Verkehr der Landeshauptstadt Magdeburg und Wolfgang Neußer vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Im Folgenden sind die wesentlichen Inhalte der Veranstaltung aus Sicht der Begleitforschung dargestellt. Die Präsentationen der Referenten können heruntergeladen werden.

 

Energetische Stadtsanierung: Lernen aus der Praxis

Dr. Gregor Langenbrinck, Begleitforschung, Urbanizers

Nach einem kurzen Überblick über den Programmhintergrund, die Arbeitsweise der Begleitforschung und die Ausrichtung des Programms 432 am Quartier werden Verantwortungsbereiche der Kommune bei der Erstellung energetischer Quartierskonzepte dargestellt. Beispielhaft werden die Pilotprojekte in Fellbach-Schmieden, Markt Zapfendorf, Potsdam-Drewitz und Emden-Port Arthur/Transvaal vorgestellt.

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Förderprogramme der KfW im Überblick

Dr. Kay Pöhler, KfW

Ausgehend von den Energie- und klimapolitischen Zielen der Bundesregierung stellt der Vortrag die Finanzierungs- und Förderangebote der KfW zur energetischen Stadtsanierung dar. Eine besondere Aufmerksamkeit erfährt hierbei die Untergliederung der Programme nach Handlungsfeldern und möglichen Investoren. Die Vielfalt der Programme trägt den unterschiedlichen Rahmenbedingungen in den Kommunen Rechnung. Pöhler betont die besondere Bedeutung der Kommune als Initiator, Koordinator und Investor in der Energetischen Stadtsanierung.

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Energiemanagement

Andreas Schüring, Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi)

Der Vortrag macht deutlich, dass die Umsetzung von Maßnahmen zum energieeffizienten Bauen und Sanierung durch Energieberatung unterstützt und ergänzt werden kann. Das BMWi und das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) bieten dazu mit der Förderung von Vor-Ort-Beratungen ein passgenaues Programm an. Die möglichen Beratungsinstrumente reichen von einer Erst- bzw. Initialberatung über die detaillierte Energieberatung vor Ort bis zur Baubegleitung. An diese Instrumente sollte im Rahmen der Beratungs- und Aktivierungsstrategien des Sanierungsmanagements der energetischen Stadtsanierung angeknüpft werden. Schüring weist darauf hin, dass bisherige Erfahrungen zusammengeführt werden und die Energetische Stadtsanierung als Gemeinschaftsaufgabe lokal umgesetzt werden müssen.

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Regionale Wertschöpfung im Rahmen der Energiewende

Michael Müller, Institut für angewandtes Stoffstrommanagement (IfaS)

Regionale Wertschöpfung erlangt nach Aussage Müllers im Spannungsfeld zwischen rückläufiger Infrastruktur und steigendem Kostendruck zunehmende Bedeutung. Müller erläutert zunächst die Prinzipien und Wirkungsweisen lokaler Wertschöpfungsketten. Optimierte regionale Energie- und Stoffströme können eine lokale Wertschöpfung bewirken. Anhand des Quartierskonzeptes der Altstadt von Bad Neuenahr-Ahrweiler wird dargestellt, welche Wertschöpfung im Stadtgebiet beispielsweise durch den Ausbau von Photovoltaik und Solarthermie generiert werden kann. Kommunen können diese Wertschöpfungseffekte aktiv steuern.

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Energetische Modellregionen in Sachsen-Anhalt

Dirk Trappe, Landesenergieagentur Sachsen-Anhalt

Das Bundesland Sachsen-Anhalt fördert in besonderer Weise vier energetische Modellregionen. Hierbei wird die regionale Entwicklung in Zusammenhang mit der Entwicklung der Kernkommunen gesehen. Trappe stellt anhand der Zukunftsregion Altmark beispielsweise dar, wie die regionale Erzeugung regenerativer Energien aus Windkraft, Biogas, Photovoltaik und Biomasse mit einer quartiersbezogenen Untersuchung zu geothermischer Wärmeversorgung in Arendsee kombiniert werden kann. Arbeitstreffen unterstützen den landesweiten Erfahrungsaustausch. Zudem werden Modellregionen und Kernkommunen in fachlichen und fördermittelbezogenen Fragen beraten.

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Information als Ressource für Energieeffizienz: EnergieAtlas Magdeburg

Laura Schädlich, Hochschule Magdeburg-Stendal

Im Rahmen des Projekts „MD-E4 Magdeburg EnergieEffiziente Stadt – Modellstadt für Erneuerbare Energien“ der Landeshauptstadt Madgeburg entwickelt die Hochschule Magdeburg-Stendal ein Energie-Geoinformationssystem (EnerGIS). Das webbasierte Informations-, Planungs- und Managementinstrument für die energetische Stadtentwicklung kann durch Bürger, Wohnungseigentümer, Energieversorger und die Kommune gleichermaßen genutzt werden. Es berücksichtigt alle Analyseebenen von der Gesamtstadt bis zum Einzelgebäude. Über statistische Abfragen und die Berechnung von Szenarien hinaus, gibt es Antworten auf konkrete Fragen wie: Welches Potenzial für Photovoltaik und Solarthermie bietet mein Haus?

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Interview: Energetische Quartierskonzepte in der Praxis

Marion Holz (Architekturbüro Holz, Pilotprojekt Naumburg/Saale), Peter Mann (Stadtplanungsamt Luckenwalde, Pilotprojekt Luckenwalde)

Das Projektgebiet in Luckenwalde umfasst eine gründerzeitliche Stadterweiterung. Das Projektgebiet in Naumburg (Saale) liegt am Rand der historischen Altstadt. Beide Gebiete sind zugleich auch Förderkulisse im Rahmen der Städtebauförderung. Während beide Städte Maßnahmen in der Gebäudesanierung entwickeln, steht bei der Wärmeversorgung in Luckenwalde die Fernwärme und in Naumburg die Solarenergie im Vordergrund.

Beide Vertreter beschreiben die Energetische Stadtsanierung als einen Lernprozess, der auf vorherigen Stadterneuerungsmaßnahmen aufbaut. In Naumburg (Saale) wurde von vorn herein komplex gedacht. Das energetische Quartierskonzept gilt hier nicht als abgeschlossener Baustein, sondern als Dialogprozess. Besonderer Wert wird der energetischen Betrachtung „mit Augenmaß“ zugesprochen, gemeint ist die Ermittlung denkmalgerechter Maßnahmen insbesondere im Bereich der Solarenergie.

In Luckenwalde hatte bereits mit einem ExWoSt-Modellvorhaben das Umdenken begonnen. Es wurden neue Kommunikationsstrukturen geschaffen und eine neue Stelle eingerichtet, die zugleich auch für den Datenschutz zuständig ist. Als neue Erfahrung beschreibt der Vertreter aus Luckenwalde das direkte Zusammenwirken mit privaten Eigentümern.

 

Von der Datenerhebung bis zur Umsetzung – Energetische Stadtsanierung als Prozess

Dr. Klaus Habermann-Nieße, Begleitforschung, plan zwei

Die Energetische Stadtsanierung gliedert sich in drei wesentliche Schritte: das Antragsverfahren mit besonderer Berücksichtigung der Gebietsauswahl, die zielgerichtete Konzepterarbeitung und die durch dauerhafte Partnerschaften getragene Umsetzung des Konzepts. Der quartiersbezogene Ansatz bietet hierbei die Vorteile einer verbrauchsnahen CO2-Bilanzierung, einer integrierten Betrachtung mit anderen Belangen der Quartiersentwicklung, einer zielführenden Einbindung lokaler Akteure und einer hohen Umsetzungsorientierung. Der Vortrag gibt eine Vielzahl von Beispielen für die unterschiedlichen Prozessschritte und Themenfelder der Energetischen Stadtsanierung.

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Kleingruppen: Antragstellung, Konzepterstellung und Sanierungsmanagement

In drei Kleingruppen wurden die Antragstellung für das KfW-Programm 432, die Erstellung energetischer Quartierskonzepte und der Einsatz des Sanierungsmanagements diskutiert.

Bei der Antragstellung ist es wesentlich, das Quartierskonzept als einen ersten Schritt in einem länger währenden Prozess zu betrachten. Die gilt es frühzeitig zu kommunizieren und Schlüsselakteure einzubinden. In der konkreten Ausgestaltung ist das Programm offen für lokale Schwerpunktsetzungen. So kann soziale Infrastruktur als Aufhänger gewählt werden, sofern ein integrierter und gebäudeübergreifender Ansatz gewählt und bestenfalls auch Gebäude mit Wohnfunktion integriert werden. Mobilität kann ein wichtiger, aber nicht alleiniger Schwerpunkt des Konzepts sein. Zur Bearbeitung sind entsprechende Ressourcen einzuplanen. Grundsätzlich ist auch die Anpassung einer laufenden Förderung möglich. Sie bedarf der Absprache mit der KfW.

Der Impuls für eine Konzepterstellung kann nach Aussage der Anwesenden aus eigenen Erfahrungen, z.B. Vorläuferprojekten, aus Fachveranstaltungen und Netzwerken oder aus der direkten Ansprache durch externe Akteure wie Sanierungsträger und Landkreis hervorgehen. Als wesentlich stellt sich dann die Zielsetzung dar. Einsparziele des Bundes oder gesamtstädtische Ziele spielen ebenso eine Rolle wie fachliche Anliegen zur Sicherung baukulturellen Erbes oder die Wahrung von Sozialverträglichkeit. Es gilt die Ziele mit den tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten abzugleichen und eine konkrete Aufgabenstellung zu formulieren. Im für die Konzepterstellung wesentlichen Bereich der Datenerfassung diskutiert die Kleingruppe insbesondere die Nutzung lokaler Kenntnisse, z.B. durch die Einbindung von Hochschulen, und die Unterstützungsmöglichkeiten durch übergeordnete Institutionen wie die Landesenergieagentur. Es werden außerdem die Vor- und Nachteile von Verbrauchsdaten und Kennwerten für die unterschiedlichen Prozessschritte miteinander abgewogen.

Bezüglich des Sanierungsmanagements wird zunächst diskutiert zu welchem Zeitpunkt das Management eingesetzt werden sollte. Deutlich wird, dass ein lückenloser Anschluss an das Konzept und eine fortlaufende Beteiligung der lokalen Akteure anzustreben sind. Die konkrete Vorgehensweise – Einsatz des Sanierungsmanagements während oder im Anschluss an die Konzeptphase – ist auch von den lokalen Gegebenheiten abhängig. Einigkeit besteht darüber, dass das Sanierungsmanagement nicht zwingend durch eine Einzelperson geleistet werden muss, sondern dass sich in vielen Kontexten Arbeitsgemeinschaften anbieten. Es wird der Wunsch nach einer Vernetzung der Sanierungsmanagements geäußert.

 

Podiumsdiskussion

Olaf Kühl (Investitionsbank Schleswig-Holstein), Dr. Kay Pöhler (KfW), Andreas Schüring (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie), Dirk Trappe (Landesenergieagentur Sachsen-Anhalt), Rolf Warschun (Umweltamt, Landeshauptstadt Magdeburg)

Der Schwerpunkt der Podiumsdiskussion lag auf den Förderinstrumenten und der Finanzierung der Energetischen Stadtsanierung. Das Land Schleswig-Holstein zum Beispiel bietet den Kommunen im Rahmen der sozialen Wohnraumförderung eine Kofinanzierung energetischer Quartierskonzepte in Höhe von 20% an. Auch die Landesenergieagentur Sachsen-Anhalt hält eine Kombination von Maßnahmen und Förderprogrammen für sinnvoll. Pöhler weist auf die Investitionskredite für Kommunen und die Spezialförderprogramme für Versorgungsinfrastruktur und Straßenbeleuchtung der KfW hin. Er betont die Notwendigkeit, die Förderkriterien möglichst flexibel zu halten, um eine individuelle Anpassung an die kommunale Ausgangslage zu ermöglichen. Als weiteres Instrument bringt Schüring Contracting-Modelle auf Quartiersebene ein, insbesondere bei Investitionen in die Wärmeversorgung. Der kommunale Vertreter der Landeshauptstadt Magdeburg folgert, dass finanzielle Beweglichkeit von Seiten der Kommunen als Handlungsimpuls gewertet werden können. Es wird der Aufruf formuliert, das bestehende Förderinstrumentarium zu nutzen und neue Instrumente und Programme in Anlehnung an das bestehende Instrumentarium zu entwickeln.