Energetische Stadtsanierung: Quartiere als energetisches Gesamtsystem

Dokumentation der Regionalkonferenz in Potsdam am 15. Oktober 2015

Die Begleitforschung hatte im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) nach Potsdam eingeladen. Die Konferenz fand in einem Schlüsselobjekt des Potsdamer Pilotprojekts – der Stadtteilschule Drewitz – statt. Ein Quartiersspaziergang in Kooperation mit der ProPotsdam GmbH bot Einblicke in die Praxis. Mit rund 80 Teilnehmern stieß die Regionalkonferenz auf reges Interesse. Neben allgemeinen Programminformationen stand diesmal die Umsetzung verschiedener Konzeptansätze im Kontext von Netzstrukturen im Fokus. Bisherige Ergebnisse aus der Begleitforschung wurden in Fachvorträgen und Projektbeispielen vorgestellt.

Folgende Fragen standen im Fokus:

  • Welchen Beitrag können quartiersbezogene energetische Konzepte zur höheren Energieeffizienz im Stadtteil leisten? Welchen Beitrag kann die Zusammenarbeit der Akteure auf Quartiersebene leisten?
  • Wer sind die Schlüsselakteure und wie bekommt man sie „ins Boot“?
  • Welche guten Erfahrungen gibt es hierzu aus anderen Stadtentwicklungsprozessen, z. B. in der Städtebauförderung und dem Stadtumbau?
  • Wie können die verschiedenen Handlungsfelder der Energetischen Stadtsanierung  - Gebäudesanierung, Netzstrukturen, Einspeisung Erneuerbarer Energien - miteinander vernetzt gedacht werden? Welche Rolle kann das Sanierungsmanagement hier einnehmen?

 

Grußworte

Begrüßt wurden die Teilnehmenden von Herrn Schweinberger, Leiter der Abteilung Stadtentwicklung und Wohnungswesen im Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung Brandenburg (MIL), von Herrn Goetzmann, Fachbereichsleiter Stadtplanung und Stadterneuerung der Landeshauptstadt Potsdam, und von Frau Glöckner, Referentin für Energetische Stadtsanierung im BMUB.
Herr Schweinberger betonte die Herausforderung, mit der Energetischen Stadtsanierung nun stärker in die Umsetzung zu gelangen. In Brandenburg wird dieser Prozess durch eine Kontaktstelle angestoßen und begleitet. Energetische Stadtsanierung müsse dort stattfinden, wo auch andere Prozesse der Stadtentwicklung und -erneuerung stattfinden, um den Ansatz "vom Haus zum Quartier" Alltagskultur werden zu lassen.
Herr Goetzmann hob den Pilotcharakter des integrierten Ansatzes in Drewitz hervor, dessen Erfahrungen nun auch auf andere Potsdamer Stadterneuerungsgebiete übertragen werden.
Frau Glöckner unterstrich den lernenden Charakter der Energetischen Stadtsanierung. Ab dem 1. Dezember würden die Förderbedingungen des Programms 432 verbessert. Die bisherigen Erfahrungen hätten gezeigt, dass die derzeitige Förderlaufzeit für das Sanierungsmanagement von maximal drei Jahren in vielen Fällen nicht ausreiche. Aus diesem Grund werde ab 1. Dezember eine Verlängerungsoption für den Sanierungsmanager auf bis zu fünf Jahren eingeführt. Dies sei auch ein Resultat der laufenden Auswertung und Begleitung des Programms.

 

Quartiere als Energetisches Gesamtsystem - Erfahrungen aus 63 Pilotprojekten

Lutz Wüllner, Begleitforschung Energetische Stadtsanierung

Lutz Wüllner gab auf Basis der Auswertung der 63 Quartierskonzepte und der beiden Online-Befragungen einen Überblick über inhaltliche Schwerpunktsetzungen der Pilotprojekte. Er stellte drei Typen – die Umsetzungsorientieren, die "Aufsattler", die Prozessorientierten – von Quartierskonzepten vor. Mit Blick auf die Umsetzung gab er einen Überblick über den Stand der Einbindung der Schlüsselakteure – Kommune, Energieversorger und Wohnungswirtschaft – und erläuterte den Stellenwert der Arbeitsfelder „Netzversorgungsstrukturen“, „Erneuerbare Energien“ und „integrierte Stadtentwicklung“. Auf Basis von Quartiersstrukturen verwies er auf typische Konstellationen der Umsetzung von Maßnahmen.

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Impuls: Energetische Stadtraumtypen und vernetzte regenerative Energiekonzepte

Prof. Manfred Hegger, Professur im Fachgebiet Entwerfen und Energieeffizientes Bauen an der Technischen Universität Darmstadt, Vorstandsvorsitzender des Büros HHS PLANER + ARCHITEKTEN AG

Prof. Manfred Hegger spannte in seinem Vortrag einen Bogen von dem analytischen Blick auf energetische Quartierseigenschaften bis zu Praxisbeispielen von Schlüsselmaßnahmen. Herr Hegger und sein Team der TU Darmstadt haben ein Indikatorenset zur Identifikation energetischer Stadtraumtypen entwickelt. Auf Grundlage der Analyse von Gebäudetypologien, Baualtersklassen, Gebäudezustand, Nutzung, Materialität und Freiräumen wurden neun energetische Stadtraumtypen und ergänzend dazu drei Freiraumtypen, drei Gewässertypen und sieben energetische Einzelelemente (u.a. Sportstätten, Verkehrsbauten) definiert. Ziel ist es, in einem standardisierten Verfahren gebietsspezifische Energiebedarfe und -potenziale zu ermitteln. Auf Grundlage einer empirischen Überprüfung von rund 50 Quartieren wurden Mittelwerte und Spannweiten von Verbräuchen und Potenzialen entwickelt. Mit diesem Set:

  1. Auswahl von Gebiet
  2. Definition der im Gebiet vorhandenen Stadtraum-, Freiraum-, Gewässer- und Einzeltypen
  3. Abgleich baustruktureller und energetischer Kenngrößen
  4. Addition spezifischer Kriterien der Baualtersklasse und Dichte und klimatischer Standortbedingungen

gelangt man zu spezifizierten Aussagen zu Bedarfen von Strom, Heizwärme, Trinkwarmwasser und Kühlung sowie zu Potenzialen für Erneuerbare Energien und Energieeinsparungen. Aktuell wird diese Methodik um ein parametrisches Knotenmodell erweitert, das detaillierte Auskünfte für die Transformation, Verteilung und Speicherung von Energien und somit zu optimierten Energieversorgungssystemen gibt. Des Weiteren erläuterte Prof. Hegger an den Beispielen von Hamburg-Wilhelmsburg und Dinslaken-Lohberg, wie integrierte regenerative Quartierskonzepte entwickelt werden können. Er verwies in diesem Zusammenhang auch auf die Ausnutzung von Potenzialen aus dem Umland. In Dinslaken wird Grubenwasser aus einer lokalen Pumpe für die Heizwärme eingesetzt.

Prof. Hegger betonte, dass Investitionen in eine regenerative und energieeffiziente Strom- und Wärmeversorgung jetzt erfolgen müssen, auch wenn sie sich erst langfristig rechnen. Eine besondere Rolle komme hier Wohnungsunternehmen und (kommunalen) Energieversorgern zu. Wichtig sei es, Klimaschutz in den Köpfen der Gesellschaft zu verorten. Dazu müssten Ingenieurslösungen mit gestalterischen Lösungen verknüpft werden. Der Einsatz Erneuerbarer Energien, verbrauchreduzierender Maßnahmen im Stadtraum oder von Neubauten kann sowohl dezent im Stadtraum integriert als auch prominent positioniert sein. Als Leuchtturmprojekt ging er in diesem Kontext auf die energetische Transformation eines Hochbunkers in einen Energiebunker ein. Dieser ist heute nicht nur Energieproduzent, sondern sozialer Anlaufpunkt in Hamburg-Wilhelmsburg und Symbol für die Veränderungen des Stadtteils geworden.

 

Diskussionstisch Zukunftsfeld Fernwärme

Harald Rapp (Energieeffizienzverband für Wärme, Kälte und KWK e.V. - AGFW), Bernd Wieczorek (Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e.V. - BBU), Heinz Dallmann (ZAB ZukunftsAgentur Brandenburg GmbH)

Die drei Diskussionsteilnehmer unterstrichen einstimmig den hohen Beitrag quartiersbezogener energetischer Konzepte zur Steigerung der Energieeffizienz im Stadtteil. Diese seien ein geeignetes Instrument für die frühzeitige Einbindung der zentralen Akteure. Der Kommune kommt mit den kommunalen Energieversorgern und kommunalen Wohnungsunternehmen die tragende Rolle zu. Diese muss Haltung zeigen, um zum Teil divergierende Interessen zwischen Versorgern und Abnehmern zu einem Konsens zu bringen. Herr Rapp betonte, dass Politik und Bevölkerung vor allem über die Integration des Quartierskonzepts in gesamtstädtische Konzepte und Leitbilder zu gewinnen sind.
Konsens unter den Diskussionsteilnehmern herrschte zudem über den Bedarf an Konzepten, die erstens die Bedarfssenkung der Gebäude, zweitens die Effizienzsteigerung der Netze und Anlagentechnik und drittens die Frage der Energieressource einschließen. Einseitige Konzentration auf die Technologien der Energieerzeugung und die Erzeugung der Erneuerbaren Energien seien nicht zielführend, da die Erneuerbaren Energien nicht für die Deckung des aktuellen Gebäudeenergiebedarfs ausreichen. Herr Dallmann betonte, dass einfache anlagentechnische Lösungen mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit und die Umweltwirkung nachhaltiger sind als komplizierte Systeme.
Die drei Diskutanten waren sich weiterhin einig, dass die Energetische Stadtsanierung mit Blick auf die Langlebigkeit von Anlagen, baukulturelle Aspekte und Sozialstrukturen nicht innerhalb von drei Jahren umsetzbar ist, sondern nur durch Konzepte, die an den lokalen Bedingungen orientiert sind. So kann mit Rücksicht auf die Sozialstruktur in manchen Fällen das bewusste Zurückhalten von Sanierungen längerfristigen Handlungsspielraum geben.
Mit Blick auf die Kombination verschiedener Wärmeressourcen befürworteten die Diskutanten die Kopplung einer dezentralen Energieversorgung mit Vor-Ort-Erzeugungen. Letztere stellen eine Versorgungssicherheit dar, reduzieren Preisschwankungen der Energieträger und erhöhen den Wettbewerb. Herr Rapp ergänzte, dass die Einbindung verschiedener Wärmeerzeugungen – z.B. Wärmepumpen und Mini-BHKW – in ein größeres Netz bereits Alltagspraxis sei, so lange diese das Gesamtsystem in ihrer Effizienz nicht einschränken. Technologieoffenheit wurde als ein zentraler Faktor benannt. So können im Gebäudebereich intelligente Steuerungssysteme die bedarfsgerechte Energieverteilung und Einspeisung übernehmen. Herr Wieczorek machte auf die Bedeutung rechtlich-politischer Rahmenbedingungen aufmerksam. In der im Zuge der KWKG-Novellierung geplanten Begrenzung der Begünstigung von eigenverbrauchtem Strom auf Anlagen bis zu 100 kW sieht die Wohnungswirtschaft ein Hindernis für den weiteren Ausbau von KWK zur Quartiersversorgung.
Kritische Stimmen äußerten, dass ein Fernwärmenetz, sobald es einmal gelegt ist, auch neue Entwicklungen verhindern könne. Darum müsse stets gefragt werden „welche Fernwärme haben wir und wie kann sie Grün sein?". Erforderlich seien mehr dynamische Konzepte, wie zum Beispiel Low-Ex-Netze, die geringere Einlauftemperaturen und somit den verstärkten Einsatz Erneuerbarer Energien ermöglichen.

 

Interview mit Vertretern der KfW-Pilotprojekte

Claudia Wolf (Stadtplanungsamt Spremberg), Holger Oertel (Stadtplanungsamt Schwerin), Thomas Göschel (eins energie Chemnitz)

Im Spremberger Quartier Georgenberg wurde das Energetische Konzept in einer Arbeitsgemeinschaft entwickelt, deren Mitglieder sich bereits aus dem Stadtumbauprozess in Georgenberg kannten. Dies verhalf dazu, dass die formulierten Ziele nun umgesetzt werden. Im Fokus steht der Austausch der Gas-Heizungsanlagen im Bestand des kommunalen Wohnungsunternehmens. Im Anschluss an eine Variantenuntersuchung soll nun die Leistung des Heizwerks zu einem BHKW erweitert werden, kombiniert mit Dämmmaßahmen. Das Aufgabenspektrum des Sanierungsbeauftragten umfasst zudem die Erstellung von Energiepässen, die Bearbeitung des Straßenbeleuchtungskonzepts und die Erarbeitung einer Bürgerbroschüre. Die Mitglieder der ARGE arbeiten flankierend bei der Umsetzung eines soziokulturellen Zentrums und freiraumverbessernder Maßnahmen zusammen.

Die Energetischen Konzepte für das heterogene Altbauquartier „Werdervorstadt“ sowie für das Stadtumbaugebiet „Neu-Zippendorf“ fußen auf den Klimaschutzzielen der Landeshauptstadt Schwerin. In der Werdervorstadt liegen die Schwerpunkte der zukünftigen Energieversorgung im Bereich Fernwärme, dessen Ausbau durch eine Fernwärmesatzung beschleunigt wird. Der Anschlusszwang greift jedoch nur in Fällen der Erneuerung der Gasheizungen und wenn diese nicht auf Grundlage Erneuerbarer Energien stattfindet. Einer der zentralen Akteure ist somit das lokale Stadtwerk. Die Stadtwerke planen die Fernwärme zunehmend auf Grundlage Erneuerbarer Energien zu speisen (power to heat). Ergänzt wird dies durch Dämmmaßnahmen, die aufgrund des Denkmalwerts der Gebäude jedoch nur auf den Rückseiten vorgenommen werden. Ein weiteres Ziel der Planung ist die Öffnung des Stadtteils zum See.
In Neu-Zippendorf lagen die Arbeitsschwerpunkte des Sanierungsmanagements ebenfalls in der Optimierung der Fernwärmeversorgung sowie in der Sanierung von Gemeinschaftsbedarfseinrichtungen und in imageverbessernden Maßnahmen des Stadtteils.

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Zentrale Handlungsansätze im Chemnitzer innenstadtnahen Gründerzeitquartier Brühl umfassen die Standortverlagerung der TU Chemnitz in diesen Stadtteil, die Entwicklung des Quartiers als studenten- und familienfreundlichen Wohnstandort und die Entwicklung einer Wärmeversorgung durch ein LoW-Ex-Fernwärmenetz. Zukünftig soll Energie aus Solarthermiefeldern in dieses Netz eingespeist werden. Die zuvor verfestigte Entwicklungsblockade und der hohe Leerstand von 60% konnten dadurch deutlich verringert werden.

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Alle drei Pilotprojektvertreter betonten die prozessbeschleunigende Wirkung bereits bestehender Akteurskooperationen aus dem Stadtumbau auf die Umsetzung der Energetischen Stadtsanierung.

 

Podiumsdiskussion

Beate Glöckner (BMUB), Dr. Kay Pöhler (KfW), Frank Segebade (MIL Brandenburg), Jörn-Michael Westphal (ProPotsdam GmbH)

Mit Bezug auf die Erfahrungen aus dem Potsdamer Pilotprojekt zeigt sich, dass das KfW-Programm eine geeignete Klammer bietet, um sowohl soziale als auch energetische Ziele zu bearbeiten. In dessen Rahmen kann die Organisationskompetenz von Wohnungsunternehmen für Stadtentwicklungsprozesse genutzt werden. So werden Lernprozesse, die sich aus der Zusammenarbeit der ProPotsdam und der Stadtverwaltung ergeben haben, auch auf andere Potsdamer Kooperationsprozesse übertragen.
Mit Bezug auf die Diskussion des Vormittags betonten die Beteiligten, dass es im Land Brandenburg beide Ansätze geben müsse: die Entwicklung grüner Fernwärme und das Vorantreiben der Energieeffizienz im Gebäudebereich. Energetische Quartierskonzepte müssen zudem fachlich fundiert sein und einen praktischen Fahrplan für die Umsetzung beinhalten. Die neue EFRE-Periode kann hier als Rahmen genutzt werden, Projekte in die Umsetzung zu befördern. Das Land Brandenburg hat hierfür den Stadt-Umland-Wettbewerb ausgelobt und erwartet nun gute Umsetzungsbeispiele.
Die Erfahrungen aus dem KfW-Programm zeigen, dass sich die Konzeptbearbeiter in einem laufenden Qualifizierungsprozess befinden und zunehmend gute Beispiele für die Umsetzung von Maßnahmen produziert werden. Flankierend dazu werden seitens der Begleitforschung zukünftig stärker Fragen der Verknüpfung des KfW-Programms mit weiteren Förderprogrammen und zu gesetzlichen Rahmenbedingungen eruiert, um gute Hinweise für die Projektumsetzung zu geben.