Potsdam - Drewitz

Die Großsiedlung Drewitz in Potsdam entstand Ende der 1980er Jahre in Plattenbauweise vom Typ WBS70. Der Wohnungsbestand befindet sich überwiegend im Besitz des kommunalen Wohnungsunternehmens. Das integrierte Energie- und Klimaschutzkonzept fußt auf dem übergeordneten Konzept der Gartenstadt Drewitz, welches eine umfassende Aufwertung und Umgestaltung des Stadtteils vorsieht. Es baut insbesondere auf den Wettbewerbsbeitrag „Energetische Sanierung von Großwohnsiedlungen“ von 2009 auf. Das integrierte Energie- und Klimaschutzkonzept präzisiert die Möglichkeiten, Drewitz zu einem klimaneutralen Quartier umzugestalten. Die Effizienz der Fernwärme soll erhöht, erneuerbare Energien genutzt, der Wohnungsbestand nach KfW-Effizienzhaus-Standard 70 oder KfW-Effizienzhaus-Standard 55 saniert und das Wohnumfeld an die Folgen des Klimawandels angepasst werden. Da in dem Stadtteil viele Haushalte mit geringem Einkommen leben, hat die sozialverträgliche Umsetzung der energetischen Sanierung eine besondere Bedeutung. Inzwischen sind einige Schlüsselprojekte umgesetzt worden, mit denen sichtbare Impulse für das Quartier gesetzt werden konnten.

Sanierttes Schulgebäude

 

Konzepterstellung

Im Nachgang zum Wettbewerb „Energetische Sanierung von Großwohnsiedlungen“ wurde mit den Akteuren vor Ort, u.a. mittels eines Werkstattverfahrens, ein Masterplan für das Gebiet entwickelt. Dieser legte grobe Zielstellungen für die energetische Stadtsanierung fest. Wie diese Ziele realisiert werden können, wurde im integrierten Energie- und Klimaschutzkonzept dargestellt. Dieses wurde im Auftrag der Landeshauptstadt Potsdam, des kommunalen Wohnungsunternehmens ProPotsdam GmbH und der Energie und Wasser Potsdam GmbH (EWP) von einer Arbeitsgemeinschaft aus Stadt-, Energie- und Verkehrsplanern erarbeitet. Die drei Auftraggeber waren in den Prozess der Konzepterstellung eng eingebunden, ebenso die Bewohner. Das integrierte energetische Quartierskonzept wird als Chance gewertet, Themen zu integrieren, die bis dahin nicht verfolgt werden konnten. Aus diesem Grund weist das Konzept eine auffällige thematische Breite auf: Neben Gebäudesanierung, Energieversorgung und CO2-Bilanz werden auch Mobilität, klimagerechte Freiraumgestaltung und Sozialverträglichkeit detailliert behandelt.

Da Drewitz als zusammenhängende Siedlung geplant und die Versorgungsinfrastruktur im selben Zuge mit angelegt wurde, ist die Ausgangslage für eine integrierte Betrachtung vergleichsweise einfach. Die Gebietsabgrenzung wurde auf Wunsch der EWP erweitert, um das gesamte Versorgungsnetz betrachten zu können. Die Daten zur Ermittlung der energetischen Ausgangslage wurden durch die Auftraggeber zur Verfügung gestellt und durch optische Bestandsaufnahmen ergänzt. Bei der Potentialbestimmung wurde insbesondere auch auf einen in Sanierung befindlichen Pilotblock Bezug genommen. Zudem wird die geplante Entwicklung, wie sie im Masterplan festgeschrieben ist, berücksichtigt. Die Energieeinsparpotentiale werden anhand der Entwicklung des Primärenergieverbrauchs bis 2025 bzw. 2050 bemessen. Auch die vorgeschlagenen Maßnahmen werden nach Zeithorizont 2025 bzw. 2050 differenziert.

Mit der Forderung eines nahezu emissionsfreien Stadtteils wird ein klares klimaschutzbezogenes Entwicklungsziel benannt. Durch die Gebäudesanierung können die CO2-Emissionen bis 2025 je nach umgesetztem Standard um 55% (KfW 70) bzw. 67% (KfW 55) im Vergleich zum erhobenen status quo reduziert werden, bis 2050 sogar um 78% (KfW 70) bzw. 87% (KfW 55). Weitere Einsparungen sind durch die konsequente Nutzung von Solarenergie, die Förderung energiebewussten Nutzerverhaltens, die Umrüstung der Straßenbeleuchtung auf LED und die Umsetzung verkehrlicher Maßnahmen möglich.

Die Entwicklung der Gartenstadt Drewitz zeichnet sich durch eine besonders enge Kooperation der Schlüsselakteure aus. Vorteilhaft ist hier, dass neben der Verwaltung der Landeshauptstadt Potsdam und dem hohem politischen Rückhalt mit ProPotsdam, EWP und den Verkehrsbetrieben drei kommunale Unternehmen als Motoren der Entwicklung auftreten.

Sanierter Plattenbau und Grünzug

 

Konzeptumsetzung und Sanierungsmanagement

Die im integrierten Energie- und Klimaschutzkonzept berechneten Modernisierungsvarianten nach KfW 70 oder KfW 55 mit Kosten- und Wirtschaftlichkeitsberechnungen liefern den Wohnungsunternehmen eine Entscheidungsgrundlage für anstehende Modernisierungen. Von zentraler Bedeutung ist aufgrund der im Gebiet überwiegend einkommensschwachen Bewohner darüber hinaus die Wahrung bezahlbarer Mieten. In einem im Jahr 2014 fertiggestellten Pilotblock wurde durch Fördermittel der KfW und des Landes ein Mietpreis von 5,50 Euro Kaltmiete gesichert. Eine flexible Belegungsbindung ergänzt diese Wohnraumförderung. Auch eine eigentümerunabhängige Mieterbetreuung während der Sanierung wurde installiert. Die ProPotsdam nimmt hier eine Vorreiterrolle gegenüber privaten Wohnungsunternehmen und Genossenschaften ein. Ein weiteres realisiertes Schlüsselprojekt war der Umbau der Grundschule in eine Stadtteilschule (Schule und Begegnungszentrum), bei der neben sozialen und pädagogischen Zielen auch energetische Aspekte berücksichtigt wurden.

Für die im Masterplan der Gartenstadt Drewitz vorgesehenen Neubauflächen fordert das Energie- und Klimaschutzkonzept die Einhaltung von Standards, die über die EnEV hinausgehen. Es wird vorgeschlagen, das KfW-Effizienzhaus 40, das Passivhaus und das Null-Energie-Haus als Standard in Ausschreibungen aufzunehmen.

Veränderungen in der Wärmeversorgung des Quartiers stehen im Wechselspiel mit dem gesamtstädtischen Fernwärmenetz. Die EWP plant zahlreiche Maßnahmen in der Gesamtstadt, die sich auch im Quartier positiv auswirken werden. Die technischen Möglichkeiten für im Gebiet verortete Maßnahmen, beispielsweise zur dezentralen Einspeisung regenerativ erzeugter Energien, sind weiter zu präzisieren und auch vor dem Hintergrund der städtebaulichen Integration zu bewerten. Auf der gesamtstädtischen Ebene erfolgt mit der geplanten Erhöhung der Anteile erneuerbarer Energiequellen im Fernwärmemix („grüne Fernwärme“) bilanziell eine schrittweise CO2-Reduktion im Stadtteil.

Seit Ende 2014 ist ein aus dem KfW-Programm gefördertes Sanierungsmanagement in Drewitz aktiv. Die Arbeitsschwerpunkte des interdisziplinär besetzten Teams liegen in der Steuerung der Umsetzung der Maßnahmen aus dem Konzept, der Beratung und Unterstützung der Akteure, einer breiten Öffentlichkeitsarbeit und in der gezielten Aktivierung und Überzeugung der weiteren privaten und genossenschaftlichen Wohnungsunternehmen im Stadtteil.

 

Themenfelder

Gebäudesanierung

   Für die größtenteils unsanierten Mehrfamilienhäuser wird vor allem eine Ertüchtigung der Gebäudehülle empfohlen. In Kombination mit einer Absenkung des Primärenergiefaktors wird die Einhaltung der KfW-Standards 70 bzw. 55 gefordert. Besondere Aufmerksamkeit gilt der sozialverträglichen Mietengestaltung. Im Einfamilienhausbestand wird auf Beratungsleistungen gesetzt.

Wärmeversorgung

Der Handlungsschwerpunkt liegt hier in der Optimierung der Fernwärmeversorgung u.a. durch eine Verminderung von Transportverlusten, die Flexibilisierung der Wärmeproduktion und die Erhöhung der Anteile von KWK und erneuerbaren Energien, etwa durch die umfangreiche Einspeisung von Solarthermieenergie ins Fernwärmenetz. Die meisten dieser Maßnahmen werden jedoch außerhalb des Quartiers umgesetzt.

Strom

   Langfristige Umstellung der Beleuchtung auf LED.

Erneuerbare Energien

Es wird insbesondere die Nutzung von Solarenergie nahegelegt, die bei sinkendem Energiebedarf und steigender Effizienz der Anlagen hohe Deckungsgrade entfalten kann. Alternativ wird auf die Nutzung von Windkraft im Umfeld der Gartenstadt verwiesen.

Mobilität

Drewitz soll langfristig als Modellstadtteil für E-Mobilität entwickelt werden. Die Erhöhung des Fuß-, Rad- und ÖPNV-Anteils ist übergeordnetes Ziel der Quartiersentwicklung.

 

Untersuchungsfokus integrierter Ansatz

Ganzheitliche Betrachtung von Klimaschutz und Energieeffizienz

Die Energetische Stadtsanierung ist in Drewitz besonders breit gefächert angelegt. Eine zukunftsfähige, nachhaltige energetische Basis ist eine wichtige Säule, um das gesamte Quartier dauerhaft zu stabilisieren. Die energetische Sanierung fügt sich in eine umfassende Entwicklung ein, die unter dem Leitbild „Gartenstadt Drewitz“ auf den Weg gebracht wurde und bei der verschiedene Förderinstrumente ineinandergreifen. So ist Potsdam-Drewitz gemeinsam mit dem angrenzenden Stadtteil Am Stern bereits seit 1999 Programmgebiet der Sozialen Stadt. Ein großes Projekt in diesem Kontext ist der Ausbau der Grundschule am Priesterweg zur Stadtteilschule mit integriertem Begegnungszentrum „Oskar“. Darüber hinaus werden beispielsweise im Rahmen von BIWAQ (Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier) Bewohner erfolgreich zu Gebäudemanagern ausgebildet. Die zentrale Konrad-Wolf-Allee wurde mit EFRE-Mitteln zu einem Stadtteilpark umgebaut. Anknüpfungspunkte für die energetische Sanierung werden gesucht und – wo sinnvoll – genutzt.

Von großer Bedeutung für die umfangreichen Maßnahmen ist die Beteiligung der Bewohner. Hierfür wurde ein Beteiligungskonzept erstellt. Im Zuge der Entwicklung des Masterplans Gartenstadt Drewitz wurde in der Stadtverwaltung eine Projektstruktur aufgebaut, die in eine strategische Lenkungsgruppe, eine inhaltliche Projektgruppe sowie themenbezogene Arbeitsgruppen gegliedert ist. In die Projektsteuerung einbezogen sind auch Vertreter der durch die Bewohner gewählten Bürgervertretung Drewitz. Die AG Klimaschutz und Energieeffizienz hat die Erstellung des Quartierskonzepts begleitet und soll auch dessen Umsetzung mit verfolgen. Kritik an den Planungen entzündete sich vor allem an der Frage der Stellplätze. Durch eine nachholende Beteiligung und die Einrichtung der gewählten Bürgervertretung konnte die anfängliche Kritik als Initialzündung für eine langfristige Kommunikation genutzt werden. Das integrierte Energie- und Klimaschutzkonzept profitiert von den etablierten Strukturen und Erfahrungen und leistet einen Beitrag für die weitere Intensivierung der Zusammenarbeit der lokalen Akteure. Hierzu wird das Sanierungsmanagement zukünftig eng mit dem Quartiersmanagement der Sozialen Stadt, der im Gebiet stark engagierten Wohnungsbaugesellschaft ProPotsdam und weiteren Akteuren zusammenarbeiten.

Aufbauend auf dem Gesamtentwicklungsprozess zur Gartenstadt Drewitz vertieft das integrierte Energie- und Klimaschutzkonzept neben der Gebäudesanierung, der Wärmeversorgung und der Energiegewinnung auch die Themen Mobilität und Freiraumentwicklung. Die 2014 abgeschlossene Umgestaltung der Konrad-Wolf-Allee zum Stadtteilpark ist nicht nur repräsentatives Aushängeschild der Gartenstadt. Mit der Parkanlage und der neu eingeführten Parkraumbewirtschaftung zur Reduzierung des Parksuchverkehrs wird das Leitbild einer klimafreundlichen und stadtverträglichen Mobilität exemplarisch umgesetzt. Im Handlungsfeld Freiraumgestaltung werden Querbezüge zu den Themen Klimaanpassung und Baukultur hergestellt. Thematisiert werden beispielsweise die Installation von Sonnenschutz, die Freihaltung von Durchlüftungsachsen und die Versickerung von Niederschlag. Neben dem „Grünen Kreuz“ als zentralem Stadtteilpark wird die Bedeutung der Freiräume im Innern der Häuserblocks hervorgehoben.

Blick auf einen neu gestalteten Stadtteilpark

Die Stadt Potsdam möchte Drewitz mit diesem Gesamtpaket einer integrierten Quartiersentwicklung als Stadtteil profilieren, der für viele Zielgruppen attraktiv ist. Auch die zukünftig stärker differenzierten Wohnungsangebote tragen dazu bei. Zudem soll durch das klare Ziel eines weitgehend emissionsfreien Stadtteils die Identifikation der Bewohner mit dem Projekt und dem Stadtteil an sich gestärkt werden.

 

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