Energiewende im Quartier: Herausforderungen für Energieversorger

Dokumentation der 1. Fachkonferenz in Berlin am 20.09.2018

Stadtwerke und Energiedienstleister sind zentrale Akteure im nachhaltigen Umbau von Energiesystemen auf Quartiersebene. Im Rahmen der zweiten Phase der Begleitforschung zum KfW-Förderprogramm der energetischen Stadtsanierung (432) versammelte die erste von vier geplanten Fachkonferenzen rund 50 Personen aus dem Bereich der Energieversorgung, um die Herausforderungen zu diskutieren, die sich bei der Konzeptionierung und Umsetzung einer dezentralen Energieversorgung in bestehenden Stadtgebieten ergeben. Die Herausforderungen sollten konkretisiert und die Chancen und Möglichkeiten zur Umsetzung innovativer Lösungen aufgezeigt werden.

Zentrale Themen der Konferenz waren:

  • innovative Wärmeversorgung auf Quartiersebene – technische und organisatorische Herausforderungen
  • neue Geschäftsmodelle und Kooperationen für die Energieversorgung
  • Zusammenarbeit zwischen Energie- und Wohnungswirtschaft: Wie können  Kooperationen auf- und ausgebaut werden?

 

Begrüßung

Marco Wanderwitz, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat

Nach der Begrüßung der Konferenzteilnehmenden verwies Marco Wanderwitz auf die Klimaschutzziele der Bundesregierung, bis zum Jahr 2050 ein weitestgehend klimaneutrales Leben in Deutschland zu ermöglichen. Mit einem Anteil von rund 50 Prozent sei der Wärmesektor der „schlafende Riese“ der Energiewende. Er betonte den integrativen Ansatz der energetischen Stadtsanierung. Vor dem Hintergrund bezahlbaren Wohnens und den Anforderungen an den Klimaschutz sei die Zusammenarbeit von Stadtwerken und kommunalen Wohnungsunternehmen eine zentrale Aufgabe.

 

Einführung: Hintergrund und Ziele der Fachkonferenz

Kirsten Klehn, Begleitforschung, plan zwei

Als Beteiligte der Begleitforschung führte Kirsten Klehn anhand ausgewählter Beispiele in die zentralen Handlungsfelder der energetischen Stadtsanierung ein und zeigte die Vielfältigkeit und breite Anwendbarkeit des Programms 432 auf. Das zentrale Akteursdreieck der einzubindenden Akteure bilden dabei Kommunen, Wohnungswirtschaft und Energieversorger, wobei sich herausgestellt habe, dass Energieversorger der energetischen Stadtsanierung oft zurückhaltend gegenüberstehen. Dabei seien Energieversorger wichtige Partner für alle Beteiligten.

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Motor der energetischen Quartierssanierung - Energieversorger zeigen, wie es geht

Wunsiedler Weg Energie 2.0

Marco Krasser, SWW Wunsiedel GmbH

Wunsiedel ist eine Kommune mit etwa 9.000 Einwohnern im Norden Bayerns. Die Stadtwerke Wunsiedel versorgen insgesamt ca. 20.000 Kunden. Die Stadtwerke verfolgen eine ganzheitliche Strategie, mit dem zentralen Ziel des Klimaschutzes durch Digitalisierung, Dezentralisierung und Dekarbonisierung. Durch Quartierskonzepte und Sanierungsmanagements wird der Ausbau dezentraler Versorgungsnetze vorbereitet.

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Stegerwaldsiedlung Köln

Achim Südmeier, RheinEnergie AG

Achim Südmeier verwies zu Beginn seines Vortrages auf die Herausforderungen, die Dezentralisierung, Digitalisierung und der Ausbau der erneuerbaren Energien für Energieversorger mit sich bringen. Früher steuerten wenige große Kraftwerke den schwankenden Verbrauch aus. Schon heute gibt es immer mehr dezentrale, steuerbare Anlagen, die inzwischen sehr wirtschaftlich sind. Die Wohnungswirtschaft in Köln werde durch günstige, dezentrale Mieterstrommodelle inzwischen zum Wettbewerber für die Rheinenergie. Das alte Geschäftsmodell der Energieversorger sei damit auf Dauer nicht mehr tragfähig.

 

Forum 1: Neue Geschäftsmodelle

Neue Geschäftsmodelle für die Energiewende - ein Ausblick aus dem Projekt C/sells

Nicolas Spengler, EnergieNetz Mitte GmbH

Die Energienetz Mitte GmbH beteiligt sich an dem Projekt C/sells, ein Forschungs- und Umsetzungsprojekt für intelligente Energienetze. Mit dem Projekt soll in einem praxistauglichen Modell demonstriert werden, wie die Energiewende basierend auf erneuerbaren Energien großflächig umgesetzt werden kann. Die beteiligten Akteure sind innerhalb eines intelligenten Energiesystems dezentral miteinander vernetzt, um witterungsbedingte Fluktuationen auszugleichen und eine stabile, sichere Energieversorgung zu gewährleisten. Aus den Erfahrungen soll eine Blaupause zur Umsetzung der Energiewende-Ziele der Bundesregierung entstehen.

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Das virtuelle Energielandwerk: Digitale Infrastruktur für die regionale Energiewende

Martina Stienemann, Die Energielandwerker eG

2005 wurde im Kreis Steinfurt das Amt für Klimaschutz und Nachhaltigkeit mit dem Ziel gegründet, bis 2050 energieautark zu sein. Es wurden der „Wind Masterplan“ und der „Masterplan 100 % Klimaschutz“ entwickelt sowie die Erzeuger-Genossenschaft Energielandwerker eG gegründet. Ziel ist es, unabhängig die Direktvermarktung regionaler Energie voranzutreiben. Finanziert wird das Vorhaben über EU-Fördermittel aus dem Leader-Programm, Mitgliederbeiträgen und Genossenschaftsanteilen. Das KfW-Programm 432 wird zum Ausbau des dezentralen Energiesystems verwendet.

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Forum 2: Innovative Wärmeversorgung auf Quartiersebene - technische Herausforderungen, erfolgreiche Kooperationen

Hildesheim Drispenstedt: Optimierung von Verteilnetzen - zukunftsfähiger Umbau des Gesamtsystems

Klaus Blome, EVI Energieversorgung Hildesheim

Die Großwohnsiedlung Drispenstedt wurde in den 1960er Jahren von einem kommunalen Wohnungsunternehmen errichtet. Der Gebäudebestand wurde energetisch saniert und die Warmwasserversorgung optimiert. Ziel ist es, das Quartier ganzjährig über regenerative Energieträger zu versorgen. Hierfür soll ein solarthermisches Feld errichtet werden. Derzeit wird ein Standort im Quartier bzw. in unmittelbarer Nähe gesucht. Die aktuelle Herausforderung liegt darin, dass sich Wohnungsunternehmen, Energieversorger, Kommune und Politik auf einen Lösungsweg einigen.

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Rheinfelden: Abwärme als Bestandteil des Energiemixes im Quartier

Daniel Weiß, Elektrizitätswerk Schönau Energie GmbH

Im Jahr 2014 wurde für das Quartier Rheinfelden Nord ein Quartierskonzept erstellt. Es wurde gezielt eingesetzt, um die Potenziale des Wärmenetzes für die etwa 1.500 Wohnungen auszuloten. Anschließend folgten Quartierskonzepte für weitere Stadtteile. Der besondere Vorteil der Quartierskonzepte liegt für die Kommune darin, dass alle Gesichtspunkte betrachtet werden können – von der Wärmequelle über das Leitungsnetz bis zu den Hausstationen.

Eine Herausforderung beim Aufbau des Wärmenetzes mit vielen unterschiedlichen Wärmequellen stellt dabei die technische Realisierbarkeit dar.

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KfW-Programm 432: Wie Energiedienstleister das Programm nutzen

Chemnitz Brühl: Stadtumbau und energetischer Umbau im Verbund

Holger Frey, inetz GmbH

Die Stadt Chemnitz hat das Ziel, bis 2050 ihre CO2-Emmissionen um ein Drittel auf 2,5 t/a je Einwohner zu reduzieren. Gemeinsam mit einem Stadtentwicklungskonzept des Gründerzeitquartiers am Brühl wurde ein energetisches Quartierskonzept erstellt. Kern des energetischen Quartierkonzeptes Brühl war die erstmalige Integration von erneuerbarer Energie (solar) in die Fernwärmeversorgung, die Effizienzsteigerung durch Rücklaufauskühlung des zentralen Heißwasserrücklaufes zur Heizungsunterstützung sowie die Steigerung der Energieeffizienz durch niedrige Systemtemperaturen (LowEx).

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Podiumsgespräch: KfW-432 - Strategiebaustein für die Energiewende vor Ort

Moderation

  • Dr. Gregor Langenbrinck, Begleitforschung, Urbanizers
  • Kirsten Klehn, Begleitforschung, plan zwei

Teilnehmer

  • Fabian Schmitz-Grethlein, Verbund kommunaler Unternehmen e.V. (VKU), Bereichsleiter für Energiesysteme und Energieerzeugung
  • Dr.-Ing. Ingrid Vogler, Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e.V. (GdW), Referentin für Energie, Technik und Normung
  • Tobias Dworschak, Verband für Wärmelieferung e.V. (VfW), Geschäftsführer
  • Holger Frey (Vertretung für Harald Rapp), Energieeffizienzverband für Wärme, Kälte und KWK e.V. (AGfW), Vorsitzender des Expertenkreises Stadtentwicklung im AGfW

Zentrale Themen der Podiumsdiskussion bildeten die Bedeutung der Quartiersebene und dezentraler Lösungen in Hinblick auf die Umsetzung der Energiewende, Voraussetzungen für gelingende Kooperationen zwischen Stadtwerken und Wohnungswirtschaft sowie Hemmnisse und Voraussetzungen aus Sicht der Energiedienstleister, zur Umsetzung innovativer Lösungen auf Quartiersebene.

In der Diskussion bildeten sich dabei folgende Standpunkte ab:

  • Dezentrale und zentrale Lösungen müssen verknüpft werden
  • Die Umsetzung der Energiewende im Gebäudebestand und anfallende Mietsteigerungen müssen bedacht werden
  • Kooperationen zwischen Wohnungsunternehmen und Energieversorgern sei vielfach erprobt,  Kooperationshemmnisse bestehen eher im juristischen Bereich,
  • Engagierte politische Akteure und deren Ausdauer sind zentrale Erfolgsfaktoren für die Umsetzung innovativer Lösungen
  • Es muss zwischen der Umsetzung von „Wärmewende“ und „Energiewende“ unterschieden werden, erstere ist eher kleinteilig und lokal umzusetzen, letztere beruht tendenziell auf einem zentraleren Ansatz
  • Weitgehend besteht Einigkeit, dass ein „zellulares Vorgehen“ stärker gefördert werden sollte, da es ein gleichzeitiges Denken von unten und von oben zwischen den Systemebenen im Energienetz ermöglicht

 

Zusammenfassung

Katharina Voss, Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat

Katharina Voss, Referentin für die energetische Stadtsanierung im BMI betonte die Bedeutung von „Digitalisierung, Dezentralisierung und Dekarbonisierung“ im Verlauf der Konferenz als zentrale Stellschrauben im Umbau der Energieversorgung. Neben technischen Lösungen seien zudem engagierte Akteure und funktionierende Kooperationen entscheidende Voraussetzungen für das gelingen von Projekten. Weitere Fachveranstaltungen sollen dazu beitragen den Förderkontext weiter zu profilieren.

 

Die vollständige Dokumentation finden Sie hier.